Wie das Altenburger Land nach der Wende zu Thüringen kam

Seit 20 Jahren gehört Altenburg wieder zu Thüringen. Die Entscheidung für den weiß-roten Freistaat im Westen fällten damals die Politiker - gegen den Willen ihrer Bürger, die mehrheitlich für das grün-weiße Sachsen im Osten gestimmt hatten. Ein Reizthema, das die Altenburger Gemüter noch immer erhitzt.

Seit der Gründung wurde Altenburg nie zerstört. Foto: Marco Kneise

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Altenburg. "Echte Thüringer Bratwurst" wird auf dem Altenburger Markt gleich an zwei Ständen verkauft. Die Verkäuferinnen könnten, wenn sie denn wollten, einander auf den Rost sehen. Der Klinkerbau der schlanken Brüderkirche an der Westseite des eindrucksvollen Platzes stammt aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, als Altenburg noch zum thüringischen Mini-Herzogtum Sachsen-Altenburg gehörte. Das 450 Jahre alte Rathaus am östlichen Ende gegenüber errichtete Thüringens bedeutendster Renaissancebaumeister Nikolaus Grohmann. Es spricht viel für Thüringen im Herzen der einstigen Residenzstadt im östlichsten Zipfel des Landes.

Vor zwanzig Jahren aber schieden sich genau daran die Altenburger Geister. Wolfgang Böhm (63), damals Geschichtslehrer und Heimerzieher und inzwischen pensionierter Vorsitzender des Altenburger Geschichtsvereines, erinnert sich daran, wie sich nach der Wende Sachsen- und Thüringenbefürworter wenig versöhnlich gegenüberstanden.

Es war nur wenige Wochen nach der Wende, als die Frage der Neubildung der Länder aufkam. Thüringer wollten wieder Thüringer, Sachsen wieder Sachsen sein, eine wirkliche DDR-Identität gab es nicht, von Bindungen an die 1952 willkürlich gebildeten Bezirke ganz zu schweigen. Die Altenburger aber waren sich unschlüssig, wohin sie künftig gehören wollten.

In seiner Neubauwohnung in Altenburg-Nord blättert Böhm in Zeitungsausschnitten von damals. Von der Volkskammer favorisiert wurde die Fünf-Länder-Variante, bei der die DDR-Bezirke zu den ursprünglichen fünf Ländern zusammengefasst werden sollten. Das Altenburger Problem: Bei der Zerschlagung der Länder 1952 war der seit 1920 thüringische Landkreis Altenburg in die Kreise Altenburg und Schmölln unterteilt und beide dem sächsischen Bezirk Leipzig zugeschlagen worden.

Vier Jahrzehnte später sprachen für die Bindung an Sachsen mittlerweile auch handfeste wirtschaftliche und infrastrukturelle Gründe, die Leute fuhren nach Sachsen zum Arbeiten gleichermaßen wie zum Einkaufen. "Sachsen oder Thüringen - das war die Frage, die die Altenburger in zwei Lager teilte, damals auch zu erkennen an entweder grün-weißen oder weiß-roten Fahnen an den Autos", sagt Böhm.

Immerhin schien es so, als würden die Altenburger bei der Entscheidung mitreden können. Bei 15 DDR-Kreisen gab es solche Abweichungen zwischen Bezirks- und ursprünglicher Länderstruktur. Die Modalitäten der Länderneubildung sahen dafür Bürgerbefragungen vor, an denen sich die Politiker orientieren konnten. Während dies in anderen Problemregionen wie Schmölln oder Artern zu eindeutigen Ergebnissen führte, kam es in Altenburg wie es kommen musste: Die Bürger stimmten im Juni mit 54 zu 46 Prozent für Sachsen, der Kreistag aber entschied am 18. Juli 1990 in geheimer Abstimmung mit 38 zu 25 Stimmen für Thüringen. Altenburg, mit der DDR gerade erst in der Demokratie angekommen, erlebte eine Art demokratischen Sündenfall.

So jedenfalls sah es - und sieht es noch heute - die damals 44-jährige Sabine Fache. Die ehemalige Schulleiterin trug den Konflikt bis nach Berlin. Im Auftrag des parteilosen Landrates Gumbrecht ließ sie bei der Volkskammer anfragen, ob der Vorgang rechtens sei. Antwort aus der Hauptstadt: Ja. Eine wirklich schlüssige Antwort habe ihr aber bis heute niemand gegeben, so die 64-jährige Altenburgerin, die noch immer glaubt, dass Sachsen die bessere Wahl gewesen wäre.

Damit steht sie nicht allein. Hauptargumente der Altenburger Sachsenbefürworter: Das ferne Erfurt vernachlässige die Thüringer am äußersten Rand des Freistaates. Es gäbe kaum nennenswerte Neuansiedlungen von Betrieben und Arbeitsplätzen, nichts, was junge Leute in der Stadt hält.

Beim Bemühen um eine Fachhochschule zog man gegenüber Nordhausen den Kürzeren. Und dann sei da auch noch der Flughafen, dem das Land die notwendige Unterstützung versage. Traurige Folge: In den vergangenen 20 Jahren ging die Altenburger Bevölkerungszahl von 57.000 auf 35.000 zurück. Immer wieder gern wird in diesem Zusammenhang auch über eine angebliche Bevorteilung des benachbarten und besonders thüringenfreundlichen Schmölln durch die Zentrale in Erfurt spekuliert. So erfreue man sich dort inzwischen eines neuen Erlebnisbades, während sich Altenburg noch immer mit der Schwimmhalle aus DDR-Zeiten begnügen müsse.

Eine durchwachsene Bilanz der Altenburger Thüringenzugehörigkeit räumt denn auch Volker Schemmel durchaus ein. Dass seine Heimatstadt in Sachsen besser dran wäre, bezweifelt er aber. Randlage bleibe eben Randlage. "Überalterte Betriebe wie die Braunkohleförderung, die Wismut oder die Teerverarbeitung Rositz hätten auch in Sachsen keine Chance gehabt", sagt er.

Warum der Altenburger Kreistag damals so entschied, weiß auch Schemmel nicht, möglicherweise hätten kulturelle Anhänglichkeiten einiger älterer Abgeordneten den Ausschlag gegeben. Die Volkskammer habe aber letztlich keine andere Wahl gehabt, als die Entscheidung der Altenburger Volksvertreter zu bestätigen, "die waren gewählt, demokratisch legitimiert und also beschlussfähig, was für die Bürgerbefragung nicht galt", so der 69-Jährige.

Der Ex-SPD-Politiker hat persönlich freilich wenig Grund, mit Thüringen zu hadern. Er machte vor seinem Ruhestand im weiß-roten Freistaat mächtig Karriere, war sogar Justizstaatssekretär in Erfurt. "Immer wenn es ein Thüringen gab, war Altenburg auch thüringisch", sagt er bestimmt. Von der Rückseite seiner Dachwohnung am Altenburger Roßplan blickt er über die seit der Wende aufwendig sanierten Fachwerkhäuschen rund um den 800 Jahre alten Nikolaikirchhof - ein Altenburger Schmuckstück. "Sachsen oder Thüringen - das ist wie ein Fuffziger oder fünfzig Pfenge, letztlich muss sich Altenburg selbst helfen."

Die Länderdebatte sieht Schemmel heute ähnlich wie die erwähnte Konkurrenz mit Schmölln: "Da sind viele Emotionen und Eifersüchteleien im Spiel, bei genauerem Hinsehen findet sich aber nur wenig wirklich Belastbares." Mit dem Schloss, der neuen Musikhalle, dem Theater habe man kulturell sogar richtig was zu bieten - und das grenzüberschreitend. Warum sollte das nicht auch beim Flughafen möglich sein? 100 Arbeitsplätze entstanden dort in der Zulieferindustrie für den Airbus A 380. "Könnten sich Sachsen und Thüringen auf ein gemeinsames Konzept verständigen, wäre Altenburg auch wirtschaftlich viel geholfen", so Schemmel. Die Züge der Bahn führen heute nach Leipzig und Erfurt gleichermaßen.

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