Prozessauftakt gegen Nervenärztin: Was geschah wirklich in der Ottermühle?

Ab Montag steht in Gera die Ärztin und Bürgerrechtlerin Kerstin S. vor Gericht. Vorgeworfen werden ihr Freiheitsberaubung, Nötigung und Diebstahl. Ihr Umfeld weist dies zurück.

Die Ottermühle bei Liebschütz in Ostthüringen. Auf dem Anwesen sollen Menschen gegen ihren Willen festgehalten, zu falschen Geständnissen gezwungen und bestohlen worden sein. Die Hausbewohner stellen dies jedoch ganz anders dar. Ab Montag werden die Ereignisse vor dem Geraer Landgericht verhandelt.

Die Ottermühle bei Liebschütz in Ostthüringen. Auf dem Anwesen sollen Menschen gegen ihren Willen festgehalten, zu falschen Geständnissen gezwungen und bestohlen worden sein. Die Hausbewohner stellen dies jedoch ganz anders dar. Ab Montag werden die Ereignisse vor dem Geraer Landgericht verhandelt.

Foto: Hanno Müller

Die Vorwürfe der Anklage wiegen schwer: Danach werden der Beschuldigten erpresserischer Menschenraub in Tateinheit mit Geiselnahme und Nötigung sowie gemeinschaftlicher Diebstahl und gemeinschaftliche Freiheitsberaubung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und übler Nachrede zur Last gelegt. Es drohen 5 bis 15 Jahre Haft.

Bei der Angeklagten handelt es sich um Kerstin S., Psychiaterin und DDR-Bürgerrechtlerin. Zu DDR-Zeiten war sie einer der Köpfe der oppositionellen Frauenbewegung. Sie hat Frauenzentren initiiert und sich in der Bewegung „Frauen für Veränderung“ engagiert. Anfang Dezember 1989 besetzte sie mit anderen Mutigen in Erfurt erstmals eine Bezirks-Stasizentrale, um die Vernichtung der Akten zu verhindern. Ebenfalls machte sie mit anderen als eine der Ersten nach der Wende den vielfach vertuschten sexuellen Missbrauch von Frauen und Mädchen in der DDR öffentlich.

Wird S. ihr Engagement jetzt zum Verhängnis? Die Ärztin gilt als streitbar, unbequem, als jemand, der sagt, was er denkt und dabei auch die Konfrontation mit Freunden nicht scheut. Seit Jahren legt sie sich mit Gerichten wegen zu zögerlicher Entschädigung von SED-Opfern an. Könnten sie ihr Eifer und der gelegentlich unterstellte Hang zur Übertreibung tatsächlich dazu gebracht haben, rechtliche Grenzen zu überschreiten? Rechtfertigen die Vorwürfe die neunmonatige Untersuchungshaft, die S. seit dem 15. Dezember 2016 in Chemnitz absitzt?

Für Freunde und Wegbegleiter ist all dies schwer vorstellbar. Verteidigung und persönliches Umfeld der Angeklagten erzählen einen anderen Ablauf der Ereignisse. Sie werfen der Staatsanwaltschaft vor, sie ermittle einseitig gegen S., ohne die tatsächlichen Vorgänge und Beteiligten gebührend zu berücksichtigen. Beide Versionen sollen hier dargestellt werden. Herauszufinden, welche von ihnen richtig ist, ist ab Montag Aufgabe des Geraer Landgerichtes.

Selbstverständlich gelte auch bei diesem Fall der Grundsatz „Im Zweifel für die Angeklagte“, versichert die Sprecherin des Geraer Landgerichts, Kerstin Böttcher-Grewe. Auf Nachfrage erläutert sie Details der Anklage: „Demnach wollten ein älterer Herr und seine Ehefrau, beide Jahrgang 1934, ihre auf dem Anwesen namens Ottermühle in einer Art Wohngemeinschaft mit Frau S. lebende Tochter und Enkel besuchen. Als die alten Leute die Mühle verlassen wollten, wurden sie daran gehindert.“ Laut Gerichtssprecherin seien den Besuchern EC-Karte und Handy abgenommen worden. „Des weiteren wurde dem älteren Herren vorgeworfen, er hätte zu einem nicht näher benannten Zeitpunkt seine Tochter sexuell missbraucht, und damit gedroht, dies öffentlich zu machen. Das soll im Rahmen von therapeutischen Sitzungen stattgefunden haben“, so Böttcher-Grewe weiter. Um das Unrecht wieder gutzumachen, sollte der Senior laut Anklage Geld an seine Tochter und seine Enkel übergeben und dafür eine Abtretungserklärung über sein Vermögen unterschreiben. Böttcher-Grewe: „Weil er so eingeschüchtert war, hat er das auch gemacht. Im August 2016 soll die Angeklagte mit den Enkeln des älteren Herrn nach L. gefahren sein und aus der Wohnung 45 000 Euro Bargeld und Edelmetalle über 23 900 Euro mitgenommen haben.“

Am 19. Oktober 2016, so die Gerichtssprecherin weiter, sei auch der geschiedene Ex-Ehemann der Frau und Vater der Kinder zu Besuch gekommen sein. „Er soll überwältigt, auf einen Stuhl gefesselt und geschlagen worden sein. Und auch ihm gegenüber soll der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs erhoben worden sein, verbunden mit der Aufforderung zu gestehen, was er nicht tat. Laut Anklageschrift wurde er deshalb weiter festgehalten. Am 27. Oktober gab es dann einen Polizeieinsatz. Bei diesem Polizeieinsatz wurden das ältere Ehepaar und der jüngere Mann befreit.“

Welche Rolle hat Kerstin S. bei alledem wirklich gespielt? Kann es sein, dass sie die beiden Alten festhielt, ihnen persönliche Dinge abnahm und sie so am Weggehen hinderte? Handelt es sich hier um ein krasses Beispiel von Selbstjustiz? Ist ihr bekanntes Bemühen, Täter und Opfer aller Art zusammenzubringen und in Gesprächen zu versöhnen, aus dem Ruder gelaufen? Oder war alles ganz anders? Obwohl in der Anklage laut Gerichtssprecherin von gemeinschaftlichen Taten die Rede ist, geht es beim Prozess in Gera nur um S.. Zu weiteren Tatbeteiligten geben weder Staatsanwaltschaft noch Landgericht Auskunft. Auf die schriftliche Nachfrage unserer Zeitung zu der Redaktion vorliegenden Hinwei-sen auf weitere Anzeigen gegen die Frau, ihre Kinder oder die beteiligten Männer, verweist der Sprecher der Geraer Staatsanwaltschaft, Steffen Flieger, auf die Staatsanwaltschaft Rottweil. „Eine Vielzahl der gegen verschiedene Personen erstatteten Anzeigen beschäftigen die Staatsanwaltschaft Rottweil. Sofern hier Anzeigen erstattet worden sind, wurden die Verfahren an die Staatsanwaltschaft Rottweil abgegeben“, so Flieger.

Für die Lebensgefährtin von S., die mit ihr in der Ottermühle lebt und die beim Prozess als Zeugin geladen ist, sind die Vorwürfe unvorstellbare und haltlose Anschuldigungen. Sabine F. erzählt eine ganz andere Geschichte, eine vom Missbrauch der Frau und ihrer Kinder durch mehrere Täter, der beim Aufenthalt in der Ottermühle zur Sprache kam, von reuigen Großeltern, die Unrecht wieder gut machen wollten, die dann aber umkippten und sich nun mit ihrer Anzeige aus der Affäre zu ziehen versuchen. Aus dieser Sicht war die spätere Überwältigung und Fixierung des Ex-Ehemannes ein Akt der Notwehr der Hausbewohner. Ohnehin habe man selbst zum eigenen Schutz die Polizei gerufen.

Könnten, müssten diese Angaben Kerstin S. nicht vor Gericht entlasten? Gerichtssprecherin Böttcher-Grewe sagt, man habe keinen Beleg für Vergewaltigungen oder sexuellen Missbrauch in der Vergangenheit. In welcher Form und ob überhaupt solchen Missbrauchs-Vorwürfen nachgegangen wurde, gehe aus der ihr vorliegenden Anklageschrift nicht hervor.

Trotzdem soll die Vorgeschichte hier auch aus der Sicht der Beklagten wiedergegeben werden. Nicht nur, weil sie Teil der Ereignisse ist. Ein Großteil dessen, was die Anklage als therapeutische Sitzungen bezeichnet, ist nämlich in Videoaufzeichnungen von vielen Stunden Länge dokumentiert. Aufzeichnungen, die nicht von S., sondern von der Frau und ihren Kindern veranlasst worden sein sollen. In diesen Filmmitschnitten seien sowohl schreckliche Erinnerungen an Gewalt und Missbrauch als auch die Reue des Großvaters festgehalten, versichert die Verteidigung. Die Landgerichtssprecherin bestätigt, dass umfangreiches Videomaterial beschlagnahmt wurde. Ob und wie es in den Prozess einfließt, lässt sie offen.

Kehren wir also zurück zu den Anfängen der Geschichte in der Ottermühle, nun aus der Sicht des Umfeldes von Kerstin S.. Vor sechs Jahren sind S. und F. hier eingezogen. Nach Jahren im Ausland wollen sie den Traum von einer einfachen Lebensgemeinschaft mit Gleichgesinnten umsetzen. Ihr Anwesen nennen sie Mutterland, es soll offen sein für alle Menschen. Bei der Übernahme ist die Mühle in beklagenswertem Zustand. Viele Eigenleistungen sind nötig. Die meisten Mitstreiter bleiben nicht lange. Die Anforderungen des Lebens als Selbstversorger sind hart.

2015 hätte die Frau um Aufnahme in die Gemeinschaft gebeten, wenig später seien ihre 24-jährige Tochter und der 26-jährige Sohn dazugekommen. Man wohnt getrennt, trifft sich aber zum gemeinsamen Leben im Hauptgebäude. Schnell seien dabei Spannungen in der Familie spürbar gewesen. Das Angebot der gelernten Therapeuten S. und F., darüber zu reden, sei schließlich angenommen worden. Frühzeitig sei auf Wunsch der Familie während der Gesprächskreise eine Kamera mitgelaufen. Anfangs geht es um Unausgesprochenes zwischen Mutter und Kindern. Die Mutter sei vor der Scheidung mehrfach vom Ehemann bzw. Vater verlassen worden, mit den Kindern habe niemand geredet. In den Gesprächen wirft man sich gegenseitig Verletzungen und Vernachlässigung vor.

Dann sei der in der Anklage erwähnte ältere Herr, der Vater und Großvater der Familie, zu Besuch gekommen. Und freiwillig geblieben, wie F. versichert. Auf ihn habe die Frau aggressiv reagiert. In den Gesprächen seien jetzt zunehmend verdrängte sexuelle Übergriffe zur Sprache gekommen, die der Großvater schließlich, nicht selten unter Tränen, eingeräumt habe. Betroffen seien nicht nur die Mutter, sondern auch ihre Kinder gewesen. Die Kamera habe all dies aufgezeichnet. Daraus sei dann auch die Bereitschaft des Alten zur finanziellen Wiedergutmachung erwachsen. Die Frau habe ihrerseits 15.000 Euro für die Erhaltung des Anwesens zur Verfügung gestellt, ganz im Sinn des Gemeinschaftsgedankens im Mutterland.

Auch die in der Anklage angeführte Freiheitsberaubung des Ex-Ehemanns stellt sich aus Sicht der Beschuldigten anders dar. Der Fixierung auf einem Stuhl seien Handgreiflichkeiten zwischen ihm und dem Sohn vorausgegangen, nach dem Letzter seinem Vater eine Anzeige wegen sexueller Übergriffe in der Vergangenheit offenbart habe. Erst nach dem Eingreifen der von Kerstin S. alarmierten Polizei hätten die beiden Alten und deren Schwiegersohn ihre Vorwürfe der Freiheitsberaubung und Fremdbestimmung gegen Kerstin S. erhoben. Und auch die Mutter sei nunmehr völlig unvermittelt von ihren bisherigen Angaben abgerückt und in ein Frauenhaus umgezogen.

Was also ist wahr, was falsch? Dem Vernehmen nach werden Großvater und Ex-Mann inzwischen von der False Memory-Bewegung unterstützt, einem Verein von nicht näher genannten Privatpersonen, die sich gegen falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch infolge von Therapien stark machen.

Für den Augsburger Strafverteidiger Thomas Galli, einer von drei Rechtsbeiständen, die S. in Gera vertreten werden, wird es beim Prozess deshalb auch um die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe gehen. Galli ist in der Öffentlichkeit kein Unbekannter. Er war Gefängnisdirektor in Sachsen und macht in Büchern, Interviews und Talkshows keinen Hehl aus seiner Kritik am bestehenden Rechts- und Strafsystem. Der Jurist hat sich nicht nur die gut 20 Ordner mit Ermittlungsakten, sondern auch die Videos angeschaut. Die dokumentierten Entwicklungen seien eindeutig und dürften vom Gericht nicht ignoriert werden. Vor diesem Hintergrund hält Galli sowohl die lange Untersuchungshaft gegen S. als auch die Vorwürfe der Anklage für völlig unangemessen und überzogen. „Da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Ich erwarte einen Freispruch“, sagt der Augsburger bestimmt.

Mit einem Urteil ist nicht vor November zu rechnen. Angesetzt seien vorerst 18 Verhandlungstage, zu denen 39 Zeugen geladen wurden, sagt Gerichtssprecherin Böttcher-Grewe.

Die beiden Alten sind in ihre Wohnung zurückgekehrt. Vor Gericht werden sie Ende September aussagen. Zum Prozessinhalt will sich der 83-Jährige nicht äußern. Er hoffe, dass seine Gesundheit wieder in Ordnung kommt. Seit der Zeit in der Ottermühle gehe es ihm nicht gut.