Kachelmann nach Blitzeinschlag in Weimarer Freibad: Es wurde zu spät evakuiert

Weimar  Der Ex-Wettermoderator Jörg Kachelmann wirft den Weimarer Verantwortlichen Fehler bei der Evakuierung der Badegäste nach dem Blitzeinschlag vor. Doch der Bad-Betreiber will richtig gehandelt haben.

Das Unwetter, das am Sonntag über Thüringen zog, hatte alles dabei. Rund 35.000 Blitze wurden von den Meteorolgen gezählt. Foto: Patrick Pleul

Das Unwetter, das am Sonntag über Thüringen zog, hatte alles dabei. Rund 35.000 Blitze wurden von den Meteorolgen gezählt. Foto: Patrick Pleul

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Sengende Hitze über Thüringen. Sonnenanbeter und Wasserratten haben ein besonders erfolgreiches Wochenende hinter sich – Temperaturen von weit über 30 Grad haben nahezu eingeladen, ins Freibad oder an einen See zu gehen. Samstag wie Sonntag hatten die Freibäder in Thüringen Hochkonjunktur.

In Weimar ist das am Sonntagnachmittag nicht anders. Etwa 1500 Menschen tummeln sich in den Schwimmbecken des Schwanseebades und genießen Abkühlung, als von Ferne ein Donnergrollen zu vernehmen ist. Dass daraus etwa zehn Minuten später ein Blitzschlag in der Nähe eines der zahlreichen Bäume auf der Liegewiese wird – niemand ahnt es zu dem Zeitpunkt. Die bittere Bilanz: Sechs Menschen werden verletzt, ein Mensch schwer. Der Blitzschlag, das wird später berichtet, sei aus dem Nichts gekommen.

Wirklich? Gänzlich anderer Meinung über diese Variante ist Jörg Kachelmann. Er spricht sogar von einer Lüge, wenn behauptet würde, man habe den Blitz nicht vorhersagen können. Kachelmann zählt bis heute zu den bekanntesten Wetter-Moderatoren in der Bundesrepublik und hat sich gestern im Internet mit der Stadt Weimar angelegt: „Fahrlässigkeit beim #Gewitter-Unglück durch Blitzschlag im Schwimmbad von @stadtweimar – gut 10 Minuten Zeit für Evakuierung nicht genutzt.“

Aus Sicht des Wettermannes eine zulässige Feststellung. Er sagt mit Blick auf den Blitzeinschlag auf Nachfrage der TLZ: „Es hat zuvor schon gut zehn Minuten laut und vernehmlich gerumpelt.“ Die Blitzanalyse seines Wetterdienstes zeige den Blitzeinschlag um 16.27 Uhr, die ersten Blitze mit lautem Donnergrollen habe es bereits etwa zwölf Minuten vorher gegeben.

Warum mischt sich der Moderator aus der Schweiz, wo er seine Firma hat, nun in die Situation in Weimar ein? Es ärgere ihn, sagt er, dass behauptet werde, der Blitz sei aus dem Nichts gekommen „und man am Ende so tut, als sei alles richtig gewesen.“ Bei der Stadtwirtschaft haben die Telefone gestern nicht mehr stillgestanden. Die Stadtwerke sind Betreiberin des Bades und hundertprozentige Tochter der Stadt Weimar. Susanne Hölbe, Sprecherin des Unternehmens, stellt zunächst fest, dass „Herr Kachelmann irrt“, wenn er eine unmittelbare Zuständigkeit der Stadt Weimar sehe. Die sei zwar Eigentümerin des Bades, betreibe es aber nicht.

Inhaltlich will die Stadtwerke-Sprecherin den Aussagen Kachelmanns ohnehin in keiner Weise folgen. Fehler, sagt sie, seien nicht festgestellt worden. „Wenn sich im Freibadbereich des Schwanseebades eine Gewitter-Wetterlage einstellt, werden die Besucher aufgefordert, sofort die Schwimmbecken zu verlassen, ihre Sachen in Sicherheit zu bringen und der Aufenthalt unter den Bäumen wird ihnen untersagt.“

Hat das so auch stattgefunden? Hier gehen die Meinungen auseinander. Kachelmann, der sich nach eigenem Bekunden auf Augenzeugenberichte stützt, sagt, dass die Evakuierung nicht intensiv genug verfolgt worden sei. „Wenn man den Besuchern sagt, dass es nicht lange geht, trägt das nicht zum Gefahrenbewusstsein bei“, sagt er. Die Stadtwerkesprecherin entgegnet indes: „Der zuständige Schwimmmeister handelte richtig.“

Für beide Varianten gibt es indes einige Belege. So stützen Twitter-Nutzer die von Kachelmann verbreiteten Aussagen online und stellen fest, dass „eine Evakuierung anders aussieht“. Andere wiederum schreiben darauf, dass zehn Minuten wohl zu wenig seien, um ein Bad mit 1500 Besuchern zu evakuieren.

Beim Gewitter am Wochenende über dem Freistaat zuckten insgesamt 35 000 Blitze am Himmel. Weimar gehörte zu den Orten, die am heftigsten betroffen waren – so musste auch der Goethe-Geburtstag ausfallen und nahm das Weinfest auf dem Frauenplan einigen Schaden.

Verhaltensblatt bei Gewitterlagen

Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Freien befanden, suchten überall Schutz. Sei es unter aufgestellten Schirmen, in Hauseingängen oder anderswo. Wie im Schwanseebad, wo einige eben auch Zuflucht unter den zahlreichen Bäumen finden wollten. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch direkt vom Blitz getroffen wird, liegt in der Nähe eines Sechsers im Lotto. Der Einschlag in einen Baum liegt von der Wahrscheinlichkeit her eher bei einem Vierer, wenn viele Leute unter einem Baum stehen“, meint Jörg Kachelmann.

Dass sich das Blitzdrama ausgerechnet im Bad in Weimar ereignet hat, ist aus seiner Sicht aber Zufall gewesen. In anderen Bädern, sagt er, hätte das genauso passieren können. „Man sollte in Freibädern ein Standardblatt haben, auf dem kurz und knapp das Verhalten bei Gewittern beschrieben steht“, meint er. Gut zehn Minuten seien viel Zeit, um so viele Menschen wie möglich in Sicherheit zu bringen: „Wer nicht am oder im Haus sein könne, sollte ins Auto oder notfalls in Hockstellung gehen mit den Füßen zusammen.“

Scharmützel mit der Stadtverwaltung

Bei dem Blitz, der im Weimarer Schwanseebad einschlug, habe es sich, berichtet Kachelmann, um einen „starken Knaller“ gehandelt. Das sei nicht die heftigste Art eines Blitzes, könne aber, wie in Weimar gesehen, dennoch schlimme Folgen haben. Aus seiner Sicht ist festzustellen: „Die Gefahr durch Blitzschlag wird in Deutschland unterschätzt.“

Enttäuscht zeigt sich der Wettermann indes auch von der Stadt Weimar. Die hatte über ihren Twitterkanal auf den Ursprungstweet von Kachelmann lediglich mit dem Wort „Falsch!“ geantwortet und auf einen Beitrag unserer Zeitung verlinkt, der über das Gewitter berichtete. Man habe deutlich machen wollen, sagte ein Sprecher auf Nachfrage, „dass der Eindruck, den Herr Kachelmann erwecken wollte, nicht stimmt.“ Kachelmann reagierte darauf ebenfalls via Twitter: „Es strengt etwas an, wenn eine ernstzunehmende Stadt zu eindeutigen dargelegten Fakten nur ‚Falsch‘ sagt.“

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