Leitartikel: Kirchen in Bewegung

Hanno Müller über altes und neues christliches Denken

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner geht in Rente. Beachtenswert ist das nicht nur, weil er seine Kirchenkarriere im Eichsfeld und in Erfurt begann. In der Diaspora der DDR war einer wie Meisner ein Bollwerk des Glaubens gegen die Anmaßungen des atheistischen Systems.

Mit dem 80-Jährigen aber lässt nunmehr einer der umstrittensten Kirchenmänner von der Macht. Mit theologischer Verbissenheit und gelegentlich ahistorischer Taktlosigkeit hat der gebürtige Schlesier immer wieder Gläubige wie Nichtgläubige brüskiert.

Als Kardinal konnte Meisner den Papst mitwählen. Dieses Recht erlischt bekanntlich mit dem 80. Lebensjahr. Insofern macht der Rücktritt mit 80 Sinn. Aber er war auch überfällig.

Greise mit einer derartigen Machtfülle über das Leben von Menschen gibt es so heute fast nur noch in der Kirche. Selten geht das so gut wie beim 78-jährigen Papst Franziskus. Will die Kirche in einer offenen, modernen Welt überleben, muss sie jünger, lebensnäher, alltagstauglicher und fröhlicher werden.

Dass in Deutschland derzeit viele Bischofssitze vakant sind, ist eine Chance. Jüngere, gegenwärtige Bischöfe könnten wieder Interesse an der Begegnung mit Kirche wecken. Die Kirche muss sie nur gewähren lassen.

Dann gibt es in Zukunft vielleicht mehr großartige Angebote wie die Lebenswende im Erfurter Dom. Vierzehnjährige bekommen dort die Erwachsenenweihe ohne vorherigen Kotau vor dem Altar des Glaubens. Dabei erleben die jungen Leute und ihr Anhang Kirche als einen Ort der Würde und der Größe.

Einer der Erfinder der Lebenswende ist der Erfurter Weihbischof Reinhard Hauke. Der 60-Jährige wäre ein guter Bischof fürs Erfurter Bistum.