Kiew/Berlin. Die Sprengung des Staudamms im Süden der Ukraine richtet massiven Schaden an. Wem nutzt das? Alle Fragen und Antworten zu dem Vorfall.

Die Sprengung des Kachowka-Stausees im Süden der Ukraine sorgt weltweit für Entsetzen. Auf Internet-Videos war zu sehen, wie große Wassermassen aus der Staumauer strömten. Viele Häuser standen unter Wasser. Mindestens 150 Tonnen Maschinenöl seien in den Dnipro-Fluss gelangt, hieß es in Kiew. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach von einer „neuen Dimension“ des Ukraine-Krieges. Was steckt hinter der Staudamm-Sprengung – und was bedeutet dies für die Kämpfe? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist passiert?

Am Dienstagmorgen gegen 2.30 Uhr brach der Damm des Kachowka-Stausees im Süden der Ukraine. Grund dafür soll eine Explosion im Maschinenraum des von den Russen kontrollierten Wasserkraftwerks gewesen sein, meldete die staatliche ukrainische Betreibergesellschaft Ukrhidroenerho. Die Russen wiederum werfen der ukrainischen Seite vor, für die Sprengung verantwortlich zu sein. Seit dem Bruch des Damms stieg der Wasserspiegel des Dnipro rasant an. Auf Videos in sozialen Medien waren überflutete Straßen und Dörfer zu sehen.

Dieses vom ukrainischen Präsidialamt veröffentlichte Videostandbild zeigt Wasser, das durch einen Durchbruch im Kachowka-Staudamm fließt. Ganze Häuser werden mitgerissen.
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt veröffentlichte Videostandbild zeigt Wasser, das durch einen Durchbruch im Kachowka-Staudamm fließt. Ganze Häuser werden mitgerissen. © dpa | Uncredited

Die russischen Besatzer riefen in der am Staudamm gelegenen Stadt Nowa Kachowka den Notstand aus. Auf der russisch besetzten Seite des Dnipro seien insgesamt 600 Häuser in drei Ortschaften von den schweren Überschwemmungen betroffen, sagte der von Moskau eingesetzte Bürgermeister Wladimir Leontjew.

Wie wichtig ist der Staudamm?

Der Staudamm ist am Lauf des Dnipro die sechste und letzte Staustufe vor dem Schwarzen Meer. Die Anlage staut das Wasser auf 200 Kilometern Länge zwischen Saporischschja und Nowa Kachowka und hält etwa 18 Milliarden Kubikmeter Wasser. Aus dem Reservoir wurden weite Regionen im Süden bis hin zur Krim bewässert.

Wie hoch sind die Schäden durch die Überflutungen?

Die Überflutungen führten zur Überschwemmung von Abwasserkanälen und Lagerstätten für Giftmüll. In dem Gebiet liegen etwa 80 Orte. Die ukrainischen Behörden gaben die Zahl der Betroffenen in der „kritischen Zone“ mit 16.000 an. Sie begannen mit der Evakuierung von Ortschaften. In der Region Cherson kontrolliert die Ukraine seit der Gegenoffensive im Sommer 2022 das westliche Ufer Dnipro, während Russland das östliche Ufer besetzt hat. Dort leben rund 22.000 Menschen.

Hunderttausende bekämen in den kommenden Jahren die negativen Folgen zu spüren, warnte der Chef des Präsidentenbüros in Kiew, Andrij Jermak. Durch die Vernichtung des Staudamms nehme auch das Bewässerungssystem für die Landwirtschaft im Süden der Ukraine Schaden. Die Ukraine gehört weltweit zu den großen Getreideexporteuren.

Nach der Zerstörung des Staudamms in der Ukraine sind die Straßen in Cherson zum Teil bereits knietief überflutet.
Nach der Zerstörung des Staudamms in der Ukraine sind die Straßen in Cherson zum Teil bereits knietief überflutet. © Reto Klar/FUNKE Foto Services

Durch die Sprengung des Staudamms sind nach Angaben der ukrainischen Führung mindestens 150 Tonnen Maschinenöl in den Dnipro gelangt. 300 weitere Tonnen Öl drohten noch auszulaufen. „Das ist die größte menschengemachte Umweltkatastrophe in Europa seit Jahrzehnten“, kritisierte Präsident Wolodymyr Selenskyj. Er warf Moskau „Ökozid“ vor. Nach Angaben von Natalia Humenyuk, Sprecherin der Streitkräfte im Süden der Ukraine, wurde nur ein Teil des Damms beschädigt. Der Damm sei so gebaut, dass er selbst einer Atom-Explosion standhalten könne. Allerdings könne durch die Überflutung die Gefahr durch Minen steigen, die am Flussufer von den Russen verlegt worden seien, warnte Humenyuk. Sie könnten durch die Flut weggespült werden und unkontrolliert explodieren.

Inwieweit ist die Trinkwasserversorgung der Krim beeinträchtigt?

Der russische Besatzungschef von Nowa Kachowka räumte ein, dass es auch zu Problemen bei der Wasserversorgung auf der Krim kommen könnte. Diese liegt südlich von Cherson und wurde mit Wasser aus dem Kachowka-Stausee beliefert.

Nach der Annexion durch Russland 2014 lebte die Krim faktisch ohne das Wasser aus dem Dnipro: Die Ukrainer hatten den Kanal vom Stausee zur Krim gesperrt. Als Russland im Februar 2022 einen Großteil der Region Cherson besetzte, wurden die Wasserlieferungen über den Kanal zwar wieder freigeschaltet. Allerdings funktionierte dies über den unvorbereiteten Boden des Kanals. Die Verwendung dieses Wassers war für Privathaushalte kaum möglich. Es wurde vor allem für die Landwirtschaft genutzt. Das Wasser für die Privathaushalte kommt aktuell überwiegend aus lokalen Stauseen, die durch Niederschläge gefüllt werden.

Wie gefährdet ist das Atomkraftwerk Saporischschja?

Für den nordöstlich des Staudamms gelegenen Reaktor droht nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) keine unmittelbare Gefahr: „IAEA-Experten am Atomkraftwerk Saporischschja beobachten die Situation genau.“ Die Nuklearanlage ist von russischen Truppen besetzt, wird aber von ukrainischen Technikern betrieben. Die Wasserreserven zur Kühlung von größtenteils stillgelegten Reaktoren würden vorerst ausreichen, hieß es.

podcast-image

Wem nutzt die Staudamm-Explosion?

Der Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sieht Russland hinter der Sprengung des Staudamms. „Die Russen wollen die ukrainische Gegenoffensive durcheinanderbringen, die an einigen Stellen zu wirken beginnt“, sagte Mölling unserer Redaktion.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Für die ukrainische Offensive sei die Sprengung des Staudamms „ein Stolperstein, aber es ist weder ein ‚game-changer‘ noch eine Eskalation. Ich sehe keine strategischen Auswirkungen auf den Verlauf oder das Ergebnis des Krieges“, so Mölling. Durch die Überflutung müssten nun weniger russische Soldaten auf der Ostseite des Dnipro präsent sein, wo Moskau einige Tausend Kräfte in festen Verteidigungsstellungen stationiert habe. „Eine Überquerung des Flusses durch ukrainische Soldaten wird in den nächsten Tagen oder Wochen nicht möglich sein. Dadurch kann Russland einige Kräfte an andere Frontabschnitte im Osten verteilen: Für die Ukraine wird die Gegenoffensive dadurch schwieriger“, betonte Mölling.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Wie reagiert die Politik?

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sieht in der teilweisen Zerstörung des Kachowka-Staudamms eine „neue Dimension“ des Ukraine-Kriegs. „Das ist ja auch etwas, das sich einreiht in viele, viele der Verbrechen, die wir in der Ukraine gesehen haben, die von russischen Soldaten ausgegangen sind“, sagte der Kanzler. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg übte scharfe Kritik: „Dies ist eine ungeheuerliche Tat, die einmal mehr die Brutalität von Russlands Krieg in der Ukraine demonstriert“, so Stoltenberg. EU-Ratspräsident Charles Michel gab sich schockiert: „Die Zerstörung ziviler Infrastruktur gilt eindeutig als Kriegsverbrechen - und wir werden Russland und seine Stellvertreter zur Rechenschaft ziehen.“