Kiew. In der Ukraine herrscht Erleichterung über das neue US-Hilfspaket. Es schürt auch Hoffnung auf neue Waffenlieferungen aus Europa.

Die Munition ist knapp, die eigenen Truppen sind ausgelaugt und leiden unter Personalmangel, Russland ist in der Offensive und überzieht die Städte in der Ukraine mit massiven Luftangriffen: Die Stimmung in dem von Putin überfallenen Land ist in den vergangenen Monaten zunehmend desillusioniert bis verzweifelt geworden. Umso größer ist die Freude über das neue Hilfspaket, das die USA schnüren wollen: „Die Abstimmung im amerikanischen Kongress ist zweifelsohne ein Hoffnungsschimmer für viele Ukrainer“, sagt Dmytro Kopitskiy, ein Journalist aus Odessa.

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An den besonders heftig umkämpften Frontabschnitten in den Regionen Saporischschja im Süden und Donezk im Osten sind die Militärs erleichtert. „Wir nehmen das sehr positiv auf“, betont Oberstleutnant Mykhailo Klyn, der stellvertretende Kommandeur der 65. Brigade, die derzeit bei Robotyne versucht, den russischen Vormarsch aufzuhalten. Das Dorf Robotyne war die letzte Siedlung, die die Ukrainer im Süden im Rahmen ihrer Gegenoffensive im vergangenen Jahr befreien konnten. Jetzt üben die russischen Streitkräfte dort enormen Druck aus, um es wiederzuerobern.

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Bis sie an der Front neue Lieferungen von Artilleriegranaten und anderen Rüstungsgütern bekommen werden, wird es noch einige Wochen dauern. Zunächst muss der US-Senat dem neuen Hilfspaket zustimmen, was aber als reine Formsache gilt. Danach muss die Logistikkette aktiviert werden. Trotzdem glaubt Klyn, der in seiner Brigade für die psychologische Unterstützung der Soldaten verantwortlich ist, bereits jetzt an einen positiven Effekt: „Es macht uns Hoffnung, dass es uns leichter fallen wird, den Feind zu besiegen.“

Mike Johnson, Sprecher des US-Repräsentantenhauses, teilt mit, dass das Repräsentantenhaus ein großes Hilfspaket für die Ukraine, Israel und Taiwan verabschiedet hat. Nun muss der US-Senat dem Hilfspaket zustimmen, was als reine Formsache gilt. 
Mike Johnson, Sprecher des US-Repräsentantenhauses, teilt mit, dass das Repräsentantenhaus ein großes Hilfspaket für die Ukraine, Israel und Taiwan verabschiedet hat. Nun muss der US-Senat dem Hilfspaket zustimmen, was als reine Formsache gilt.  © AFP | Drew Angerer

Ex-Botschafter hofft auf Verzehnfachung europäischer Waffenlieferungen

Andrij Melnyk, der frühere Botschafter der Ukraine in Deutschland, nennt die Entscheidung des US-Repräsentantenhauses „historisch“. Der „Damm von Zweifeln und Zurückhaltung“ sei nun gebrochen und das „hoffentlich für immer“. Die Ukrainer seien jedem US-Abgeordneten, der mit „seiner Ja-Stimme unseren Freiheitskampf unterstützte“ dankbar. Er hoffe, dass die US-Militärhilfen auch in Zukunft fortgesetzt und massiv ausgebaut würden. „Gleichzeitig rufen wir die Europäer – vor allem unsere deutschen Verbündeten – auf, diesen Beschluss Washingtons als Ansporn zu sehen, um eigene Waffenlieferungen zu verzehnfachen“, fordert Melnyk.

Andrij Melnyk war zu Kriegsbeginn Botschafter der Ukraine in Deutschland.
Andrij Melnyk war zu Kriegsbeginn Botschafter der Ukraine in Deutschland. © Kay Nietfeld/dpa | Unbekannt

Der ukrainische Journalist Kopitskiy gibt jedoch zu bedenken, dass „es keine Wunderwaffe gibt, die man kaufen oder liefern kann, die den Krieg schnell beenden könnte“. Zudem entwickelten sich die Methoden der Kriegsführung in der Ukraine ständig weiter. „Wir lernen, die Russen lernen.“ Es sei also schwierig, die Bedeutung der US-Hilfe einzuschätzen, „aber ich würde gerne glauben, dass die Entscheidung nicht zu spät getroffen wurde“. Nach der US-Entscheidung rechne er jetzt mit einer Zunahme der russischen Luftangriffe auf die Städte und mit wütenderen Angriffen an der Front.

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