Tödliche Messerattacke in Wutha-Farnroda: Angeklagter hinterlässt verstörten Eindruck

Meiningen  Meiningen: Im Prozess um eine tödliche Messerstecherei vom 17. Oktober in Wutha-Farnroda will sich der Angeklagte an Details nicht erinnern.

Der Angeklagte mit seinem Rechtsanwalt Fred Uth und dem Dolmetscher Ali A. Norsei am Donnerstag. Foto: Sascha Willms

Der Angeklagte mit seinem Rechtsanwalt Fred Uth und dem Dolmetscher Ali A. Norsei am Donnerstag. Foto: Sascha Willms

Foto: zgt

Verstörend begann der erste von drei angesetzten Prozesstagen gegen einen jungen Afghanen, der am 17. Oktober vergangenen Jahres einen 20-jährigen Mitbewohner in Wutha-Farnroda erstochen haben soll und wenig später einen Autofahrer in der Ringstraße mit der Tatwaffe schwer verletzte.

Verstörend, weil sich der mittelgroße, schwarzhaarige Mann gleich zu Beginn selbst belastete, indem er seine Aussagen bei der Polizei als mögliche Lügen bezeichnete. Er wisse nicht mehr, was er damals im Verhör alles erzählt habe, aber das spätere Opfer habe ihn vorher weder angegriffen noch beschimpft, ließ er vor Gericht durch seinen Dolmetscher mitteilen.

Ob er vor den überraschten Juristen der Jugendstrafkammer im Landgericht Meiningen überhaupt richtig sitzt, blieb anfangs unklar, da er angab, sein Alter nicht zu wissen. Laut der Erstmeldung der Polizei sei er zur Tatzeit 18 Jahre gewesen. Ob das stimmt, wird im Prozess zu prüfen sein. Noch verwirrender beantwortete der in Kabul geborene Tamim A. Fragen zu seiner Vergangenheit in Afghanistan.

Offenbar gab es dort einen Gefängnisaufenthalt, nachdem er ohne Führerschein mit einem Auto aus der Werkstatt seines Vaters erwischt wurde. Mutmaßlich sei er bei der Festnahme auch angeschossen worden.

Schon damals im Gefängnis habe er von der Zelle geträumt, die er seit Oktober in der JVA Arnstadt bewohnt. Mittlerweile verfolgen ihn immer wieder Alpträume, von Friedhöfen und Messern, übersetzte der Dolmetscher vage — und: „Es ist wohl mein Schicksal, ich gebe zu, dass ich die Tat begangen habe.“

Als Geständnis im Sinne der Anklage wollte das Gericht die verworrene Aussage zunächst nicht werten, auch wegen der offensichtlichen Verständnisprobleme des jungen Mannes.

Zu vieles wusste er vom besagten Abend nicht mehr, was er in vorherigen Gesprächen mit der Polizei, seinem Anwalt Fred Uth und dem Diplom-Psychologen Dr. Peter Kudlacek detailliert erzählt haben soll. Auf die entsprechenden Hinweise des Gerichts wiederholte er fortwährend, dass er das nicht mehr wisse.

„Er hat manchmal komische Sachen erzählt“

Fest scheint zu stehen, dass es ein ruhiger Abend in der Dreier-WG gewesen sei. Das bestätigte auch der 22-jähriger Mitbewohner, der versuchte, die Polizei zu informieren. Als er auf der Toilette die Schreie des Sterbenden draußen hörte, sei er in Panik aus der Wohnung gerannt.

Dabei habe es keine Anzeichen dafür gegeben. Man habe zusammengesessen und über das Fernsehprogramm diskutiert. Das spätere Opfer sei für deutsche Sender gewesen, um die Sprache besser zu erlernen. Ein Disput vielleicht, aber kein Streit, versicherte auch der Mitbewohner. Fest scheint auch zu stehen, der Beschuldigte hat öfter Marihuana geraucht und gerne Alkohol getrunken. Er war deswegen öfter in Geldnöten und versuchte, sich bei den Mitbewohnern welches zu borgen, räumte er selbst ein. Die beiden Mitbewohner halfen oft und versuchten, ihn zu trösten, wenn er traurig wirkte. „Er hat zwar manchmal komische Sachen erzählt, aber ich habe nicht viel darauf gegeben“, gab der dritte Mitbewohner zu Protokoll. Alles sei eigentlich normal gewesen.

Am Tatabend stellte die Polizei weder Alkohol noch Drogen im Blut des Täters fest. Dennoch schlug er seinen Kopf wie rasend an die Scheibe der Spielothek auf dem Mölmen, in die er nach der Tat geflohen war. Vorher versuchte er auf der Straße noch, ein Auto zu stehlen und verletzte dabei dessen deutschen Besitzer ebenfalls schwer mit dem Messer. Neben Totschlag wird ihm deshalb auch versuchter Mord und Raub zur Last gelegt.

Er habe solche Anfälle schon öfter gehabt, auch gewalttätige, aber er sei noch nie mit einem Messer auf jemanden losgegangen, sagte der Angeklagte. Kommenden Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt.

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