Der Schattenmann: Wie der Oberhofer Björn Weisheit das deutsche Biathlon reformiert

Oberhof  Im Schatten der Stars bewegt sich Weisheit auf vielen Feldern, muss aufrütteln, moderieren, überzeugen. Auch vor dieser Saison, als es darum ging, das Trainerteam der beiden Weltcup-Mannschaften umzukrempeln.

Björn Weisheit, Sportlicher Leiter im Deutschen Skiverband

Björn Weisheit, Sportlicher Leiter im Deutschen Skiverband

Foto: Sascha Fromm

Wenn die besten Biathleten der Welt heute das Oberhofer Weltcup-Spektakel eröffnen, wird Björn Weisheit das Rennen wie immer vom Schießstand aus verfolgen. Dort hat er den besten Überblick, kriegt Zwischenzeiten und Trefferquoten sofort mit und kann die Gesichter derjenigen studieren, die eine Strafrunde drehen müssen. Wenn man so will, ist Weisheit mittendrin, ohne in den Mittelpunkt zu drängen. Das Scheinwerferlicht überlässt er lieber Athleten und Trainern. Und die können sich wiederum seiner Rückendeckung gewiss sein. Nicht nur am Schießstand.

Biathlon-Weltcup in Oberhof: Das Spektakel beginnt

„Der Teamgeist steht über allem“, sagt der Mann, der als Sportlicher Leiter im Deutschen Skiverband praktisch der ranghöchste Biathlet ist. Eine Rolle, die er mittlerweile zwar schon achteinhalb Jahre ausfüllt, deren Bedeutung jedoch erst bei genauerer Betrachtung sichtbar wird. So gehörte Weisheit beispielsweise zu den Triebfedern des Wachstruck-Projektes. Die Norweger waren 2011 als Erste aus den tristen Containern am Rande der Strecken in die mobile Großraum-Werkstatt gezogen. Mit allem Komfort und Hightech. Eine Revolution im Biathlon-Zirkus, der sich die Deutschen nicht verschließen konnten.

„Bei uns sind die Ski nun mal das, was in der Formel 1 die Reifen sind“, sagt Weisheit. Er weiß, wovon, er spricht. Sieben Jahre lang war der Oberhofer als Cheftechniker für die deutschen Biathleten im Einsatz; hatte zuvor Erfahrungen in den USA und der Schweiz gesammelt. Wie kaum ein anderer weiß er deshalb um die Vorteile, die die richtige Materialauswahl und deren Präparierung bieten. Er kann mitreden, wenn über die Körnigkeit des Schnees, eine bestimmte Höhenlage oder Luftfeuchtigkeit philosophiert wird. Und er kann einschätzen, wie sich der perfekte Schliff und das richtige Wachs auf die Laufzeiten auswirken können.

Die Zeit in der Kabine möchte Weisheit nicht missen, doch irgendwann wollte er mehr: Strategien entwickeln, eigene Prozesse anschieben und umsetzen – das trieb ihn schon immer an. Als einst abzusehen war, dass er als junger Skilangläufer den großen Durchbruch nicht schaffen würde, stürzte er sich ins Studium und schloss dieses als Diplom-Bauingenieur ab. Sein Sport ließ ihn aber nie los; genauso wie der Traum von einem Ski-Stipendium an einer amerikanischen Universität. Dafür trainierte er wie besessen und hatte 2001 Erfolg. Aus den geplanten zwei Semestern in Colorado wurden zweieinhalb Jahre, in denen er nicht nur perfekt Englisch lernte, sondern auch erste Erfahrungen als Techniker für das US-Langlauf-Team sammelte.

Dieses Terrain kannte er also bestens, als er nach den Olympischen Spielen 2010 die sportliche Leitung im Verband für die Skilangläufer und Biathleten übernahm. Ein Spagat, der viel Kraft kostete und Geschick erforderte. Denn Weisheit musste plötzlich für alle da sein – für die Stars an der Spitze wie für die Talente in Landesverbänden. Er musste Gesicht zeigen bei den Weltcups, aber auch an den verschiedenen Stützpunkten. Und das über zwei Disziplinen hinweg.

Winter-Wunderland in Oberhof: Schneeschippen vor dem Weltcup

Seit 2014 ist Weisheit ausschließlich für die Skijäger auf Achse, rund 200 Tage im Jahr. Und er stieß nach der Sotschi-Pleite, als die deutschen Biathletinnen erstmals in der olympischen Geschichte medaillenlos geblieben waren, weitreichende Reformen an. Er trieb die Verzahnung von Frauen- und Männermannschaften voran, um den Teamgeist zu stärken; baute das „Team hinter dem Team“ akribisch auf. Mit den Trainern an den Stützpunkten entwickelte er ein übergreifendes Nachwuchskonzept, schwor sie auf eine gemeinsame Philosophie ein. Zudem wurde die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern am Institut für angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig weiter vertieft; „weil dort noch etliche Reserven schlummern“.

Im Schatten der Stars bewegt sich Weisheit auf vielen Feldern; muss aufrütteln, moderieren, überzeugen. Seine besonnene Art, sein ruhiger Ton sind da oft hilfreich. Auch vor dieser Saison, als es darum ging, das Trainerteam der beiden Weltcup-Mannschaften umzukrempeln. Gerald Hönig war zum Schieß-Bundestrainer ernannt worden; Andreas Stitzl und Tobias Reiter hatten darum gebeten, aus persönlichen Gründen wieder ins zweite Glied zu rücken.

Übrig blieb Mark Kirchner, der seinen langjährigen Weggefährten sehr schätzt: „Björn ist das wichtige Bindeglied zwischen der Basis und der Spitze sowie dem Verband. Ich schätze sehr, dass er wichtige Dinge in den Vereinen, Landesverbänden bis hin zur Weltcup-Mannschaft zeitnah umsetzt und in die Praxis bringt.“

Vielleicht liegt es an seinen Erfahrungen in der Bau-Branche: Der 45-Jährige ist jemand, der anpackt; einer, der auch Neues wagt. Seit diesem Winter zeichnen neben Erfolgstrainer Kirchner die unerfahrenen Kristian Mehringer (37), Florian Steirer (37) und Isidor Scheurl (33) für die Biathleten verantwortlich. „Wir brauchten frischen Wind, eine andere Ansprache. Die Jungs haben neue Reize gesetzt“, freut sich Weisheit, der mittlerweile in Allersberg am Rothsee lebt. Nicht nur logistisch ein idealer Ort, weil er mit dem Auto in gut zwei Stunden jeweils an den Stützpunkten in Ruhpolding und Oberhof ist. Bei Frau Svenja und Tochter Luisa (5) findet er auch die Ruhe abseits des hektischen Biathlon-Alltages.

Dazu gehören in den kommenden Jahren auch die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft 2023 am Grenzadler.Die Heim-WM hat sich Weisheit schon als persönliches Highlight in den Kalender eingetragen. Dort, wo er 2004 seine erste WM als Skitechniker erlebte, soll sich 19 Jahre später für ihn ein Kreis schließen.

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