Mark Kirchner: „Wir Trainer werden nicht gehört“

Mark Kirchner, Chefcoach der Biathleten, über den Weltcup-Start und die deutschen Chancen.

Biathlon Bundestrainer Mark Kirchner

Biathlon Bundestrainer Mark Kirchner

Foto: Angelika Warmuth / Angelika Warmuth/dpa

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An diesem Sonnabend starten die Biathleten in ihre Saison. Kribbelt es bei Ihnen überhaupt noch?

Ein paar Jahre bin ich ja schon dabei. Da ist es eher Interesse und Neugier, wie wir in den Weltcup einsteigen; was bereits gut klappt, wo wir noch Defizite haben, wo wir gegenüber der internationalen Konkurrenz stehen. Ein erstes Beschnuppern gab es ja schon in der vergangenen Woche im norwegischen Sjusjön.

Mit welchem Gefühl ging es nach den dortigen Testrennen noch einmal nach Hause?

Es lief erstaunlich gut, zumal wir die Wettkämpfe aus der vollen Belastung heraus absolviert haben. Die Leistungen zeigten uns, dass wir wieder mitmischen können.

Denise Herrmann wurde unter anderem im Massenstart Zweite hinter Dorothea Wierer. Kann Sie die Lücke der zurückgetretenen Laura Dahlmeier füllen?

Bei allem Respekt vor Lauras Erfolgen, die wir auch nie vergessen werden: In der vergangenen Saison war Denise schon erfolgreicher und hat mit drei WM-Medaillen bewiesen, dass sie Weltklasse ist. Sie ist die absolute Leaderin; eine, an der sich die anderen orientieren können. Ich bin aber überzeugt, dass auch eine Franziska Preuß wieder zu alter Stärke zurückfinden wird.

Ex-Skilangläuferin Herrmann bezeichnet sich selbst aber immer noch als Lernende …

Das ist sie auch. Denise will und muss sich weiterentwickeln; gerade was ihr Liegendschießen angeht. Wie akribisch sie daran auch in diesem Jahr arbeitet, zeugt von ihrem Ehrgeiz. Nicht nur, was die Trefferquote angeht, kann sie noch viel herausholen, sondern auch bei den Schießzeiten. Dass sie läuferisch das Niveau vorgibt, wissen wir ja.

Bei den Männern zählte einst Simon Schempp zur absoluten Spitze. Ist er nach seinem Ausstieg in der vorigen Saison wieder der Alte?

Er ist auf dem besten Weg dahin und steht den anderen in der Mannschaft in nichts nach. Mit seiner Pause hat er alles richtig gemacht. Er hat diese Zeit gebraucht, um zu regenerieren und wieder Lust auf Biathlon zu bekommen. Was in ihm steckt, hat er ja mit drei Titeln bei den Deutschen Meisterschaften im September gezeigt. Das hat ihm noch einmal Selbstvertrauen für den Winter gegeben. Und mit der WM in Antholz hat er eine Riesen-Motivation vor Augen.

Das Südtiroler Biathlon-Mekka ist nicht nur Schempps Lieblings-Wettkampfort. Freuen Sie sich auch auf besondere Weltmeisterschaften?

Wenn am Tag X die Leistung nicht stimmt, die Erfolge nicht kommen, dann nutzen einem das tolle Flair, die schönen Berge und die vielen deutschen Zuschauer auch nichts. Das sehe ich eher nüchtern. Unser Ziel ist es, die Athleten zum Höhepunkt in bester Verfassung zu haben. Wenn dann gute Resultate und Medaillen herausspringen, kann es überall auf der Welt schön sein.

Für einen Schreck in der Vorbereitung hat Erik Lesser gesorgt, der sich bei einem Radsturz das Schlüsselbein brach. Werden Sie ihm künftig das Mountainbike-Fahren verbieten?

Nein. Er saß ja auch, sobald es wieder ging, schon wieder drauf. Das ist nun mal seine Leidenschaft. Und wer weiß, wofür die Pause gut war: Es musste gezwungenermaßen verstärkt Basistraining machen; absolvierte viele Radkilometer, trainierte die Oberkörper-Muskulatur. Ich bin optimistisch, dass sich diese Grundlagen über die Wettkämpfe vielleicht sogar positiv auszahlen.

Was erwarten Sie vom langjährigen Dominator Martin Fourcade, der im vergangenen Winter sein persönliches Waterloo erlebte?

Ich bin überzeugt, dass er die richtigen Lehren gezogen hat und gestärkt zurückkehren wird. Es waren vielleicht ein paar Dinge zu viel abseits des Sports, die er sich zugemutet hatte. Die Testrennen in Sjusjön haben bereits gezeigt, dass er wieder deutlich mehr investiert hat und erst einmal wieder Leader seiner französischen Mannschaft werden will. Ich glaube, dass er diesen Status eingebüßt hat, wurmte ihn am meisten.

Das Maß aller Dinge bleibt aber der Norweger Johannes Thingnes Bö?

Auf alle Fälle. Er ist ihm besten Biathlon-Alter, arbeitet konzentriert. Warum sollte er etwas von seinem Vermögen eingebüßt haben? Wer gewinnen will, muss ihn schlagen.

Der Auftakt-Weltcup in Östersund streckt sich über neun Tage. Ein Novum, das Sie begrüßen?

Nein, überhaupt nicht. Weder vom langen Zeitraum, noch von den Wettkampfformen her ist das ein geeigneter Saison-Einstieg. Ich weiß nicht, warum man einen Weltcup so zerpflücken muss. Beim Trainer-Meeting in Oslo hatte ich gegenüber den Verantwortlichen des Weltverbandes meine Bedenken und mein Unverständnis geäußert. Doch wir Trainer werden ohnehin nicht gehört. Da macht es für mich wenig Sinn, dass ich in Zukunft noch an den Sitzungen teilnehme.

Durch Thüringen wehte in den vergangenen Tagen ein Hauch von Olympia. Was halten Sie von der Vision Olympischer Winterspiele 2030 hierzulande?

Visionen und Ideen muss man haben, um Leute wachzurütteln und für etwas zu begeistern. Klar wäre das eine Riesensache, doch ich bin zu sehr Realist. Wir haben nicht nur in Thüringen drängendere Probleme. Um über solch ein Riesen-Projekt nachzudenken, braucht es die Politik, die an einem Strang zieht. Doch davon sind wir meilenweit entfernt. Jeder denkt nur an sich, statt an das große Ganze. Bevor wir dort nicht wieder mehr aufeinander zugehen, wird nur Zeit und Geld verpulvert. Für nichts.

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