FC Rot-Weiß Erfurt: Der Abstieg ist besiegelt

Der Insolvenzantrag soll Rot-Weiß Erfurt aus dem Schuldentief befreien. Sportlich sind die Messen wohl gesungen.

Sahen keinen anderen Ausweg: RWE-Präsident Frank Nowag, Vize Knut Herber und Trainer Stefan Emmerling (von rechts).

Sahen keinen anderen Ausweg: RWE-Präsident Frank Nowag, Vize Knut Herber und Trainer Stefan Emmerling (von rechts).

Foto: Sascha Fromm

Die Risse in der Wand des Presseraums im Erfurter Steigerwaldstadion könnten Symbole sein: für den Zustand des FC Rot-Weiß, aber auch für eine innere Zerrissenheit seiner Führung.

Ein Teil von ihr – das Präsidium – hat dem ersten Anschein nach am anderen Teil – dem Aufsichtsrat – vorbei für den Verein die Insolvenz beantragt und damit den vorzeitigen Abstieg aus der 3. Liga besiegelt. Der aussichtslose Kampf um den Klassenerhalt und die erdrückende finanzielle Last war den Verantwortlichen zu viel.

Nach eigener Aussage spät in der Dienstagnacht entschieden Präsident Frank Nowag und Vize Knut Herber, den von vielen Seiten erwarteten und geforderten Gang in die geplante Insolvenz zu gehen. Der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens wurde beim Amtsgericht Erfurt eingereicht. „Der Aufsichtsrat hat uns beauftragt, die Insolvenz zu prüfen und zu planen. Es ist die Entscheidung des Präsidiums, diese dann durchzuführen“, sagte der Präsident auf einer gestern Mittag eilig einberufenen Pressekonferenz.

Mannschaft habe es mit Fassung aufgenommen

Zu diesem Zeitpunkt waren auch Mannschaft und Aufsichtsrat von der Entscheidung unterrichtet worden. Am Dienstagabend war dies noch nicht der Fall gewesen. Laut Nowag sei die Entscheidung so spät gefallen, dass man den Aufsichtsrat um Chef Michael Tallai nicht mehr habe stören wollen. „Das wollten wir Herrn Tallai um diese Uhrzeit nicht mehr antun.“ In der gestrigen Aufsichtsratssitzung, welche am Abend stattfand, sei aber natürlich über dieses Thema gesprochen worden.

Vor dem Vormittagstraining unterrichtete Nowag die Mannschaft. Diese habe es mit Fassung aufgenommen. „Geschockt oder ganz überrascht waren sie nicht. Das war ja mit Ansage“, so Nowag.

Trainer Stefan Emmerling, der wie seine Mannschaft zum ersten Mal in dieser Lage steckt, stand ein wenig zwischen Baum und Borke. Auch er hatte lange Zeit noch auf eine Rettung sportlicher Natur gehofft. Doch die Ergebnisse sprachen in der letzten Zeit trotz guter Ansätze eine andere Sprache. Statt möglicher neun Punkte holte Rot-Weiß aus den letzten drei Spielen einen – zu wenig, um die Konkurrenz unter Druck zu setzen.

Dass der Verein unlängst den Einspruch gegen den Abzug eines Punktes durch den DFB im Rahmen der Nachlizensierung zurückzog, wurde wohl auch im Team als erster Schritt zur Aufgabe des Herkulesunternehmens wahrgenommen. „Durch den einen Punkt aus drei Spielen musste man die Situation realistisch begutachten. Das haben Aufsichtsrat und Präsidium getan. Ich denke, der Schritt war alternativlos“, meinte Emmerling.

Jens Möckel sprach von einem schmerzhaften Schritt

Wie seine Spieler die neue Situation bewerten, weiß er auch noch nicht. „Ich denke, dass es wenige Spieler gibt, die so eine Situation schon einmal mitgemacht haben. Viele wissen gar nicht, was auf sie zukommt. Das Wichtigste ist, dass die Saison bis zum Ende der Spielzeit und der Vertragslaufzeit abgesichert ist. Die Spieler werden sich jetzt informieren und Rat holen. Ich bin selbst gespannt, jetzt ist die Situation klar. Die Zukunft kann nun ausgerichtet werden.“ Kapitän Jens Möckel sprach von einem schmerzhaften Schritt. „Das tut sehr weh, aber war absehbar.“ Er geht dennoch davon aus, dass sich die Mannschaft nicht hängen lässt. „Es ist für jeden ein Privileg, in der 3. Liga zu spielen. Außerdem will sich ja jeder für einen neuen Vertrag präsentieren.“

Zumindest eines ist sicher: Trainer, Spieler und Mitarbeiter werden jetzt von der Arbeitsagentur bezahlt. Die Gehälter sollen pünktlich kommen. Auch würden den Spielern mögliche und vertraglich gesicherte Siegprämien ausgezahlt. Wird das Insolvenzverfahren wie geplant genehmigt und am 1. Mai eröffnet, übernimmt die Arbeitsagentur die Gehälter für Februar, März und April. Zuvor muss sich der Klub das Geld von einer Bank leihen: Die holt es sich über die Arbeitsagentur zurück.

So hat der Verein gut zwei Monate vor Saisonende – das letzte Spiel findet am 12. Mai gegen die Würzburger Kickers statt – Planungssicherheit. Mit der Einreichung zum Antrag der Insolvenz kann diese nun vorangetrieben werden. „Schnellstmöglich“, wie Rechtsanwalt Marko Harraß aus Erfurt unterstreicht. Geplant ist hierbei ein sogenanntes eigenverwaltendes Insolvenzverfahren. „Wir haben eine Eigenverwaltung beantragt und wollen den Schritt nutzen, um einen Neuanfang zu gestalten“, sagt Harraß, der dem Verein in diesem Verfahren als Sanierungsberater zur Seite steht.

In dieser Art des Verfahrens verwaltet sich der Schuldner selbst. Harraß als Sanierungsberater will dem Klub in rechtlichen Fragen zur Seite zu stehen und gegebenenfalls vermitteln. Über ihm wird als Kontrollorgan des Gerichts ein noch zu besetzender Posten des „Sachwalters“ stehen. Dieser überwacht, dass die Regularien eingehalten und alles formgerecht abgewickelt wird.

Der Vorteil einer Eigenverwaltung besteht laut Harraß in der Möglichkeit, „dass man die Strukturen, die zum Schluss noch vorhanden sind, nutzt, um die Bindungen zu eventuellen Investoren aufrechtzuerhalten.“ Man wolle die Gläubiger nicht schlechterstellen, als sie im Regelfall stünden. „Unsere Zielstellung ist, dass sie bessergestellt sind. Auch wird die Zeit für das Verfahren abkürzt“, befindet Harraß. Ein neutraler Insolvenzverwalter bräuchte Zeit, um sich mit der Thematik einzuarbeiten.

FC Rot-Weiß Erfurt steht bei vielen Gläubigern in der Kreide

Mit über acht Millionen Euro ist die zu verhandelnde Summe sehr groß. Gleichwohl steht der FC Rot-Weiß bei vielen Gläubigern in der Kreide. Auf über 200 – von klein bis groß – schätzt Präsident Nowag die Zahl. Größte Gläubiger sind neben Unternehmer Michael Kölmel mit Ex-Präsident Rolf Rombach und Ex-Aufsichtsratschef Dr. Peter Kästner auch zwei Personen, die dem Club über lange Zeit verbunden waren.

Um welche Summe es genau geht, konnten Nowag und Harraß noch nicht sagen. „Wir können auch noch nicht definitiv sagen, wer wie viel bekommt. Das kann man noch nicht prognostizieren. Man muss erst sehen, wie hoch die Planmasse und die Prozent-Quote“, die jeder Gläubiger bekommt.

Doch es ist diese Planmasse, der es an Brisanz nicht mangelt und die noch Ausgangspunkt für Streitigkeiten sein könnte. Ist das Angebot für einen Teil der Gläubiger nicht gut genug, könnten sie dem Insolvenzplan die Zustimmung verweigern. Findet sich dann keine Lösung, müsste der Verein abgewickelt werden. Eine Auflösung samt Löschung aus dem Vereinsregister wäre die Ultima Ratio.

Deshalb hegen die Verantwortlichen neue Pläne. „Wir suchen Investoren, die den Verein weiter unterstützen und ihm Geld zur Verfügung stellen, um die Masse anzuheben“, sagt Nowag. Seine Rechnung: Ist die Planmasse höher, könnte den Gläubigern eine größere Summe bereitgestellt werden, was wiederum eher zum Gelingen der Planinsolvenz beitragen würde. „Die Gläubiger müssen vom Insolvenzplan überzeugt werden. Es braucht Akzeptanz“, so Nowag.

In den nächsten Tagen und Wochen wird sich zeigen, wohin der Weg des FC Rot-Weiß führt. Neben den finanziellen Aspekten richtet sich der Blick in Richtung neue Saison. Bis zum 5. April müssen die Unterlagen für die Regionalliga-Lizenz abgeliefert werden. „Da sind wir parallel dran“, verspricht Nowag.

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