FCC-Kapitän Eckardt im Interview: „So ein Jahr kannst du dir in der 3. Liga nur einmal erlauben“

Jena  René Eckardt, der Kapitän des FC Carl Zeiss Jena, spricht über Kabinenvorfälle, unerschütterlichen Glauben, Ex-Trainer Mark Zimmermann und Fehler.

Ein Mann der klaren Worte: FCC-Kapitän René Eckardt (Mitte) nimmt im Interview mit unserer Zeitung kein Blatt vor den Mund.

Foto: Thomas Corbus

Der Klassenerhalt in der 3. Fußball-Liga gleicht einem Wunder – eines, das die Kicker des FC Carl Zeiss Jena tüchtig gefeiert haben. Erst in Jena, dann am Ballermann. FCC-Kapitän René Eckardt spricht nun im Interview mit unserer Zeitung über eine Saison, die an Höhen und Tiefen nicht sparte ...

Wieder nüchtern?

(Lacht.) Leider ja. Besser: Gott sei Dank ja. Wir haben uns genug gefreut. Es musste alles mal raus, da wir die Erfolge in den vergangenen Wochen davor nicht feiern konnten, da wir damit nichts erreicht hatten. Wir haben dann doch dafür Sorge getragen, dass allen eine große Last abgefallen ist und die Feierei danach entsprechend ordentlich war.

Die Erleichterung war spürbar – aber haben Sie sich die Last vorher nicht selbst in den Rucksack gepackt?

Natürlich. Es ist kein Geheimnis, dass Fußball Ergebnissport ist. Wir hatten zwei lange Phasen in der Saison, in denen wir die Ergebnisse nicht geliefert haben. Die Leistungen an sich waren nicht so schlecht, nur es kam nichts Zählbares dabei heraus. Deswegen waren wir in der Situation, in der wir waren.

Die erste lange Phase hat Mark Zimmermann den Kopf gekostet, die andere Lukas Kwasniok nicht ...

... wobei wir nicht sagen können, was passiert wäre, wenn Mark Trainer geblieben wäre. Am Ende war es doch richtig, dass man an Lukas Kwasniok festgehalten hat und wir mit ihm zusammen die Kurve bekommen haben.

Hat sich Lukas Kwasniok neu erfunden, sich verändert, um dieses Kurvekriegen zu ermöglichen?

Man hat gemerkt, dass die Situation an ihm nicht spurlos vorbeigegangen ist. Dafür musste er auch zu viel einstecken. Er hat gemerkt, dass es so nicht läuft und er etwas ändern muss. Das hat er getan – nicht unbedingt im Training, eher mit seinem Auftreten. Das kam allen zugute – und wir konnten es mit Erfolgen zurückzahlen.

Hat Sie sein Auftreten vorher belastet?

Mich persönlich nicht. Ich bin ein Freund davon, ehrlich und direkt zu sein, zu sagen, was Phase ist. Dass es da Spieler gab, die damit ihre Probleme hatten, die damit nicht klar gekommen sind, haben wir gemerkt. Am Ende hat er das richtige Maß gefunden, wie er mit Spielern umgehen kann, mit anderen umgehen muss.

Raphael Koczor soll ihm, wie Sie es nannten, ehrlich und direkt die Meinung gesagt haben und wurde wohl deswegen suspendiert. Ist diese Offenheit nur eine Einbahnstraße?

Das Thema war viel zu sehr an der Öffentlichkeit. Fakt ist, dass man etwas zum Trainer sagen kann. Er ist niemand, der sich dann beleidigt fühlt. Aber die Art und Weise, die Ursache waren das Entscheidende. Wenn man da den Respekt vor dem Trainer verliert, dann geht das nicht.

Was war denn die Ursache?

Es war eine Lappalie. Es ging nicht mal um ihn, sondern um andere, jüngere Spieler, was er falsch aufgenommen hat und dann ist die Sache eskaliert. Inzwischen ist aber alles geklärt, die Sache ist vom Tisch.

Hätten die Führungsspieler da nicht eingreifen müssen?

Das sagt sich immer so leicht. Wir haben in unserer Mannschaft einige erfahrene und ältere Spieler, die ein Problem hatten, sich unterzuordnen – erst recht wenn es nicht läuft. Sie waren unzufrieden, das hat man gemerkt. Was einige dann nicht können, ist das eigene Ego hinten an zu stellen. Wenn man dann nur Unruhe in eine Mannschaft hineinbringt, um vielleicht selbst besser da zu stehen, war es das, was uns als Mannschaft geschadet hat. Es gab ein paar Spieler, die mit ihrer Unzufriedenheit nicht so mannschaftsdienlich umgegangen sind.

Wie muss man sich das vorstellen in der Kabine? Wie wird schlechte Stimmung verbreitet?

Es gab einige Spieler, die sich mehr mit der Regionalliga beschäftigt haben, die das auch offen angesprochen haben. Die fragen dann herum, wer noch Vertrag hat. Die haben sich einfach mehr darum gekümmert, was im nächsten Jahr ist, statt sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und alles dafür zu geben, die Klasse zu halten. Man hat gesehen, dass die Spieler, die den Glauben nicht verloren hatten, ein Stückchen mehr zusammengehalten haben, gut gearbeitet haben, statt sich Gedanken über anderes zu machen. Das waren dann auch die, die größtenteils gespielt haben, die es umgebogen haben.

Der Trainer gab zwei Spielern in Nordhausen eine Chance, die vorher nicht spielten: Sören Eismann und Dennis Slamar.

Alles an diesem Spiel festzumachen, wäre nicht fair. Wenn sie auf dem Platz standen, haben sie alles gegeben. Wenn man aber im Laufe der Saison nicht so viel spielt und man glaubt, man kann labern, weil es ist ja egal, denn andere verkacken es, dann stimmt etwas nicht. Dann ist es schade, dass diejenigen in einer englischen Woche nicht ihre Leistung abrufen, uns nicht so helfen, wie sie selbst denken, dass sie uns helfen können.

Nordhausen hat die ganze Tristesse dieser Regionalliga gezeigt – war es gut, dort in der Phase spielen zu müssen, um allen noch einmal zu zeigen: Da will ich nie wieder hin!

Ein Großteil der Mannschaft war noch nie dort – und war erschrocken. Da sind Sachen abgelaufen, die wurden zum Ansporn für die letzten Spiele in der Liga, einer erneuten Reise dorthin aus dem Weg zu gehen.

Welche Sachen liefen denn ab?

Plötzlich standen Nordhausen-Fans bei uns in der Kabine, haben mit ihren Handys Videos gemacht, wie wir abgekotzt haben. Da war niemand von der Sicherheit. Es gab dann Rangeleien, ehe Polizei oder Ordner da waren. Auch ein Ersatzspieler von Nordhausen wurde mit Krücken umgeschubst und geschlagen. Ich weiß nicht, ob das so professionell war.

Nordhausen will in die 3. Fußball-Liga.

Dafür muss sich der Verein infrastrukturell strecken. Dort ist ein Stadion geplant, was auch notwendig ist, wenn man solche Ziele verfolgt.

Gab es nach Nordhausen eine gemeinsame Sitzung, in der man das ausgewertet und sich eingeschworen hat?

Nicht nur nach Nordhausen. Wir haben als Mannschaft oft zusammengesessen und vor Augen gehalten, was wir liefern müssen. Dass wir sechs aus sieben Spiele gewinnen mussten, war nicht abzusehen. Wir haben es geschafft, dass sich ein Großteil des Teams auch mal privat trifft, zusammen brät. Sich außerhalb der Kabine einzuschwören, ist auch wichtig.

Was lief denn plötzlich anders in den letzten sieben Spielen?

Wir haben gewonnen. Die Möglichkeiten dazu hatten wir vorher auch – nur wir haben sie nicht genutzt.

Es gab aber auch Spiele, da regierte die Planlosigkeit.

Ja.

Nur diese Hilflosigkeit war mit dem Sieg gegen Cottbus wie weggewischt. Wie ist das zu erklären?

Das ist der Fußball. Das ist nicht zu erklären. Die Siege gegen Cottbus und in Rostock haben uns gezeigt, was möglich ist. Das hat die Wende eingeleitet. Es hat gezeigt, dass wir noch leben. Wir waren beflügelt, wurden sicherer und mutiger in unseren Aktionen. Wir haben zum Ende der Saison hin viele Abschlussaktionen trainiert, was vorher nicht der Fall war. Dass Lukas Kwasniok den Fokus darauf gelegt hat, war wichtig.

Als der neue Trainer das erste Mal in die Kabine kam – was war Ihr erster Eindruck?

Selbstsicher, fachlich mit Hand und Fuß. Er hat eine gute Einschätzung, wie eine Mannschaft funktionieren muss, damit es erfolgreich sein kann. Er hat uns zuerst eingeflößt, mit allen Mitteln zu verteidigen.

Stand ihm seine Selbstsicherheit auch etwas im Wege? Hat er das Dörfchen Jena unterschätzt?

Jeder, der aus Jena kommt, der weiß, dass es keine Großstadt ist. Alles geht relativ schnell durch die Stadt. Das haben ihm auch einige gesagt. Vieles, was privat ist, gehört nicht in die Öffentlichkeit.

Hat es Sie beeinflusst?

Einige schon, mich nicht. Ich kenne es ja nicht anders. Für mich ist es auch schwierig, in Jena wegzugehen. Fußballer sind freilich Vorbilder, aber ein bisschen Freiraum hat jeder verdient. Wir sind ja keine Mannschaft, die eine Saison lang durchgedreht ist. Das Maß ist entscheidend. Es gibt auch Niederlagen, nach denen du eigentlich mal losziehen müsstest, um die Festplatte zu löschen. Aber du weißt da schon, dass das einigen nicht passt. Also haben wir uns die große Feierei fürs Ende aufgehoben.

Reden wir über die Fans. Die Ultras aus der Südkurve standen eines Tages kurz vor dem Anpfiff auf dem Rasen und haben die Motivationsrede vor den Spielern gehalten, um Minuten später via Plakat dem Trainer zu erklären, er möge „die Fresse halten“sonst würden die Fans ihn entlassen. Wie kam das an?

Wenn Fans uns motivieren wollen, ist das nie hemmend oder verstörend. Wir wussten nichts von dem Plakat, haben es erst danach mitbekommen. Es ist schwierig, wenn sich diejenigen, die dich immer unterstützen, gegen den Trainer stellen. Die meiste Kritik war aber Ansporn für uns.

Haben Sie die Kritik verstanden?

Natürlich. Wir haben ja nicht geliefert und hatten kein Recht, etwas schön zu reden. Wenn der Abstand immer größer wird, gehen einem die Argumente aus. Dann klingt vieles nach Durchhalteparolen und Schönrederei. Aber das war einfach der zum Ausdruck gebrachte Glaube, den einige Fans verloren hatten. Am Ende haben wir es geschafft und sind mit zwei blauen Augen davongekommen.

Woran ist Mark Zimmermann gescheitert?

Er hat an manchen Sachen zu sehr festgehalten, sie durchzuziehen. Das war nicht schlecht, aber die Ergebnisse haben nicht gestimmt. Er hat sich schwer getan, Dinge abrupt zu ändern. Wir hatten zwei super Jahre und vielleicht hat es einen neuen Reiz gebraucht.

Am Abend vom 1:2 gegen den SV Meppen sah es nicht so aus, dass es eines neuen Reizes bedarf.

Wir standen auch hinter ihm. Man hat ja gesehen, was er mit uns entwickelt hat. Dann sind wir aus unserem gewohnten Trott herausgerissen worden. Für ihn ist es schade. Er hat einen riesigen Anteil am Aufschwung in Jena, hat bis zum letzten Spieltag mitgefiebert. Wir waren stets in Kontakt und er hat uns am Ende beglückwünscht. Das zeichnet ihn aus.

Hätte er vereinsintern stärker auftreten müssen? Stichwort: Kaderzusammenstellung.

Vielleicht, ja. Gerade im vergangenen Sommer sind Dinge abgelaufen, die sich das Trainerteam anders vorgestellt hat. Bei der Kaderzusammenstellung durften wohl ein, zwei Leute zu viel mitreden. Der Trainer muss die Leistung der Mannschaft verantworten. Wenn er da nicht freie Hand hat, wenn sich andere einmischen, ihm nicht vertrauen, ist das ärgerlich. Aber diese Probleme gab es ja länger.

Wie haben Sie diese Probleme im Alltag wahrgenommen?

Im Endeffekt wurden uns nur die Entscheidungen mitgeteilt. Die Kommunikationsebenen gab es nicht. Wir haben angesprochen, dass das besser werden muss. Es ist schwierig, zu verstehen, wenn viel davon gesprochen, aber nicht so gehandelt wird. In den vergangenen Jahren wurden da Fehler gemacht.

Wie ist Kenny Verhoene gegenüber dem Team aufgetreten?

Es gab nicht viel Kontakt. Er war oft anwesend, wollte ein Teil der Mannschaft sein. Aber da sind viele Sachen passiert, als wir ihn um Hilfe gebeten haben und am Ende nichts passiert ist. Er wollte eine engere Beziehung zur Mannschaft, aber da kam dann nichts zurück.

Wollte er Trainer werden?

Das weiß ich nicht. Was wir mitbekommen haben, ist, dass er Spieler geholt hat, die ihm passen, aber nicht dem Trainerteam. Er hat zu uns gesagt, dass er Sportdirektor sein will. Die Verbindung zu ihm war aber nicht so gut, wie er es sich erhofft hat. Ich hatte Kontakt zu Spielern, die nach Jena kommen wollten – was dann aber gescheitert ist. Das hatte dann entweder wirtschaftliche Gründe oder der Wechsel hat anderen nicht gepasst.

Nun steht man wieder vor dem Umbruch – sollte man aus den Fehlern der Vergangenheit lernen?

Sagen wir es so: Lukas Kwasniok und Lucca Strolz arbeiten gerade auf Hochtouren am neuen Kader. So ein Jahr wie das abgelaufene kannst du dir in der 3. Liga nur einmal erlauben. Es wird auf Dauer nicht funktionieren, sich auf einen solchen Endspurt zu verlassen.

Haben Sie Mitleid mit Energie Cottbus, das wegen eines Tores abgestiegen ist?

Jeder schaut auf sich. Und wir haben es geschafft.

Schauen wir also auf Jena – der Verein überlebt aktuell nur aufgrund der Kredite eines Gesellschafters aus Belgien.

Der Einstieg von Roland Duchâtelet ist von der Mehrheit der Mitglieder gewollt worden. Und wenn man ihn hat, er die finanziellen Mittel hat, die man braucht, muss man sie nutzen.

Sollte man die 50+1-Regel nicht doch aufweichen?

Es werden so viele Regeln geändert. Das gehört dazu. Aber ein Verein wie Jena gehört nicht komplett in andere Hände. Wir haben Roland Duchâtelet kennengelernt und schätzen seine Unterstützung. Zu allem weiteren fehlt mir der Einblick – und es ist auch nicht meine Aufgabe als Spieler, mich da reinzuhängen. Ich möchte einfach, dass wir uns in dieser Liga etablieren, ein schickes Stadion bekommen, von dem wir seit Jahrzehnten nur reden. Wir haben noch viel vor und dazu ist es einfach das Fundament. Der FC Carl Zeiss Jena ist nicht nur ein Verein, er ist eine Familie, in der jeder jeden kennen sollte, in der man unter einem Stadiondach lebt – und feiert.

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