FCC-Trainer Kwasniok im großen Interview: Freudentränen, Möbelkauf und der perfekte Kaderplan

Jena  Lukas Kwasniok, Cheftrainer des FC Carl Zeiss Jena, spricht im Interview über Selbstzweifel, 38 anstehende Endspiele und darüber, wie er die richtigen neuen Spieler finden will.

Lukas Kwasniok ist Cheftrainer beim FC Carl Zeiss Jena.

Foto: Tino Zippel

Nach dem Klassenerhalt mit dem FC Carl Zeiss Jena plant Cheftrainer Lukas Kwasniok die neue Saison in der dritten Liga und gönnt sich zunächst keinen Urlaub. Im Interview blicken wir mit ihm zurück und voraus.

Sie haben Freudentränen geweint, als Sie nach dem Sieg gegen 1860 München Ihre Familie in die Arme geschlossen haben. Warum?

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie im Stadion ist. Meine Frau hatte mir am Vorabend viel Erfolg gewünscht und ihr Nichtkommen begründet, dass wir mit ihr im Stadion noch kein Heimspiel gewonnen hatten. Als meine Frau und meine Kinder aus der Menschenmenge auf mich zugelaufen sind, konnte ich mich nicht mehr beherrschen.

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Interessiert sich Ihre Frau für Fußball?

Gezwungenermaßen. Wir haben uns auf dem Sportplatz kennengelernt. Sie ist nach und nach hineingewachsen. Inzwischen entstehen zu Hause sogar Diskussionen über Fußball.

Sind Ihre Kinder fußball­begeistert?

Mein Sohn ist auf dem Fußballplatz aufgewachsen, spielt selbst in der U 16 des Karlsruher SC und war schon ein paar Mal im Jenaer Stadion. Meine Tochter war am Wochenende zum ersten Mal da: Seit zwei Tagen höre ich nur: Papa, ich will nach Jena ziehen, es war der schönste Tag meines Lebens.

Erfüllen Sie ihr den Wunsch?

Ich werde ihr raten, in Karlsruhe zu bleiben. Die Verweildauer eines Trainers ist oft nicht so lang, als dass sich ein Umzug mit der ganzen Familie lohnen würde.

Warum haben Sie sich im Dezember für Jena entschieden?

Ich hatte mir den Kader angeschaut und war überzeugt, dass er offensiv gut bestückt ist. Die leichtere Aufgabe ist nämlich, ein Team defensiv zu stabilisieren. Das ist auch innerhalb kürzester Zeit gelungen.

Doch dann hakte es in der Offensive.

Julian Günther-Schmidt und Maximilian Wolfram hatten sich verletzt. Deshalb haben wir so viele Spiele nur Unentschieden gespielt. Zum Glück hatte sich Wolfram nur eine Kreuzbanddehnung und keinen Riss zugezogen. Ohne ihn hätten wir den Klassenerhalt nicht geschafft.

Was hatten Sie sich anders vorgestellt vor Ihrem Amtsantritt?

Eines musste ich lernen: Ich bin ein sehr offener Mensch und vertraue den Mitmenschen sehr. Leider wird das im Profisport zu oft missbraucht. Ich muss Mechanismen entwickeln, um mehr bei mir selbst zu bleiben, damit nicht alle Dinge gleich bei der Presse landen.

Stimmt es, dass Sie in Ihrer Wohnung nicht mal eine Kaffeemaschine haben?

Ich habe nicht einmal ein Bett, sondern schlafe auf der Couch.

Warum das?

Ich habe die Wohnung erhalten, als ich schon mit anderthalb Beinen nicht mehr Trainer in Jena war. Ich habe von Woche zu Woche überlebt und es nicht als sinnvoll erachtet, Möbel zu besorgen.

Richten Sie sich jetzt ein?

Im Umfeld leben viele Studenten, deren Tages- und Nachtrhythmus sich nicht mit meinem deckt. Deshalb überlege ich, noch einmal umzuziehen. Auf jeden Fall werde ich mir Möbel kaufen.

Also lockt nicht Zweitligist Holstein Kiel?

Es liegen keine Anfragen anderer Klubs vor und es gibt auch keine Gespräche.

Hatten Sie einen Moment, in dem Sie in Jena nicht mehr weitermachen wollten?

Ja. Wenn die Mannschaft funktioniert, aber du trotzdem immer nur Unentschieden spielst, stellt man sich schon die Frage, ob man der Richtige ist. Durch die Analyse der Leistung ist letztlich die Erkenntnis gereift, dass erst mal einer kommen müsse, der es besser hinbekommt. Aber ich gebe zu: Es hat Körner gekostet, die Überzeugung selbst jeden Tag vorzuleben, aber es hat sich unterm Strich gelohnt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Kwasniok-Tabelle einzuführen?

Wir standen mit dem Rücken an der Wand, dass wir etwas verändern mussten. Ich hätte nicht geglaubt, dass du am Ende Erster in der Tabelle werden musst, um in der Liga zu bleiben. Der Mannschaft hatte ich Platz drei oder vier als Ziel genannt, um den Klassenerhalt zu schaffen. Im Nachhinein betrachtet, war das gelogen.

Das konnten Sie ja nicht wissen, wie viele Zähler es wirklich braucht. Was haben Sie noch geändert?

Ein anderes Element war, auf die Dreierkette umzustellen. Das war gegen die Vernunft, weil die Probleme nicht in der Defensive lagen. Dennoch habe ich einen Defensivspieler mehr eingebaut. Weil Wolfram zurückgekommen ist, konnte ich auf einen Offensivspieler verzichten und Eckardt wieder ins Zentrum stellen. Das erleichterte den Spielaufbau, bei dem wir Probleme hatten.

Nach dem Klassenerhalt beginnt das Entwickeln. Wie gehen Sie bei der Kaderplanung vor?

Wir haben noch keine perfekte Scoutingabteilung. Auch das obliegt meinem Co-Trainer und mir. Das Finanzielle regelt Chris Förster. Die Gegebenheiten sind Fluch und Segen zugleich. Ich habe zwar keine Zeit zur Regeneration, dafür aber auch viel Einfluss auf den Kader. Ein Ziel muss sein, mehr Transfererlöse als zuletzt zu erzielen. Wir wollen junge, hungrige Spieler holen, die noch nicht im Fokus stehen, die wir entwickeln können. Sie dürfen aber nicht ein dreiviertel Jahr brauchen, um in der dritten Liga anzukommen.

Fahnden Sie hauptsächlich in der Regionalliga?

Dort, aber auch in zweiten Mannschaften und bei U 19-Teams sowie in der dritten Liga. Dort nehmen wir vor allem Spieler in den Fokus, die nicht ins Spielsystem der dortigen Klubs passen und deshalb unzufrieden sind.

Wie scouten Sie Spieler?

Aktuell läuft das alles über Videostudium und über gute Netzwerke. Die Zeit lässt es nicht zu, Spiele vor Ort anzusehen. Aber auf diesem Weg haben wir auch Volkmer, Kübler und Fassnacht verpflichtet.

Um welche Spieler aus dem aktuellen Kader wollen Sie mit allen Mitteln kämpfen?

Ich habe Chris Förster heiß gemacht, dass es seine Kernaufgabe ist, Dominic Volkmer und Julian Günther-Schmidt hier zu behalten. Wir müssen Wolfram, Tietz und Starke ersetzen. Das wird nicht so einfach. Aber machbar.

Was nehmen Sie sich für die neue Saison vor?

Es wird 38 Endspiele geben. Wenn wir jedes Spiel, ob in Aspach vor 1500 Zuschauern oder in Lautern vor 25.000, als Endspiel betrachten, werden wir viel Spaß haben. Wenn wir glauben, dass wir wegen der nun erreichten guten Serie gut sind, den Start verpennen und wieder auf ein gutes Finale hoffen, werden wir unser Waterloo erleben. Dazu bin ich nicht bereit.

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