Mit Carsten Kammlott verliert Rot-Weiß Erfurt ein Stück Identität

Torjäger Carsten Kammlott verlässt den FC Rot-Weiß in Richtung RB Leipzig und hinterlässt nicht nur sportlich eine riesige Lücke. Beim Regionalliga-Aufsteiger unterschrieb er einen Vierjahres-Vertrag.

Schießt zukünftig Tore für RB Leipzig: Carsten Kammlott. Foto: Marco Schmidt

Schießt zukünftig Tore für RB Leipzig: Carsten Kammlott. Foto: Marco Schmidt

Foto: zgt

Erfurt. Einige Spieler trauten ihren Ohren nicht, als sie am Nachmittag in der Kabine vom Weggang des Stürmers erfuhren. Anstatt mit ins Trainingslager nach Weißensee aufzubrechen, verabschiedete sich Carsten Kammlott von den Kollegen. Am Abend stand seine Vorstellung bei Rasen-Ballsport Leipzig an.

"Die Jungs haben mir Glück gewünscht", sagt der 20-Jährige, der beim Regionalliga-Aufsteiger einen Vierjahresvertrag erhält. Als sportlichen Rückschritt wertet er den Gang in die vierte Liga nur bedingt. "Ich gehe davon aus, dass wir aufsteigen", sagt Kammlott, der von dem "klaren Konzept" der Red-Bull-Verantwortlichen angetan ist. In vier Jahren will der Verein in der 1. Bundesliga angekommen sein. "Mich reizt es, dabei von Beginn an mitzuwirken", so Kammlott.

Auch sein Berater geht davon aus, dass die Leipziger bald die neue Nummer 1 im Osten sind. "Die sportliche Perspektive für Carsten ist in Leipzig sehr groß. Und er ist nicht allzu weit weg von zu Hause", sagt Karl Herzog, der auch Clemens Fritz oder Albert Bunjaku zu seinen Klienten zählt. Diese Heimatverbundenheit war es, die Kammlott davon abhielt, Angebote höherklassiger Vereine anzunehmen. "Leipzig war die erste Anfrage, über die ich nachgedacht habe. Ich brauche meine Familie und Freunde in der Nähe", verrät der U-20-Nationalspieler. Von Nausitz im Kyffhäuserkreis, wo er im Elternhaus noch immer sein Zimmer besitzt, bis nach Leipzig ist es nur eine gute Stunde Autofahrt.

Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack. Wenn das größte Thüringer Talent freiwillig eine Liga tiefer spielt, kann dies nicht nur sportliche Gründe haben. Und Herzog gibt zu: "Wir werden uns bei einem Vereinswechsel finanziell sicher nicht verschlechtern." Auch wenn sein Schützling betont, dass das deutlich angehobene Gehalt nicht der Hauptgrund gewesen sei, zeigt der Vorgang doch auf: Wenn die Bullen einmal brüllen, ist es sehr schwer, sie zu ignorieren. Ähnlich wird es dem FC Rot-Weiß gegangen sein, der noch im April den Vertrag bis 2012 verlängert hatte. Ob der angespannten Finanzsituation gleicht die Ablösesumme einem warmen Regen. Offiziell wurde über deren Höhe Stillschweigen vereinbart. Sie soll sich jedoch deutlich im sechsstelligen Bereich bewegen.

"Wir haben es uns nicht leicht gemacht", sagt Geschäftsführer Rainer Hörgl. "Aber wir haben nie gesagt, dass 'Chipper' unverkäuflich ist. Wenn die finanzielle Schmerzgrenze einmal erreicht ist, kann alles ganz schnell gehen." Wirtschaftlich ist der Verein durch den Verkauf nun zwar einige Sorgen ärmer. Allerdings erscheint dies zu kurzfristig gedacht. Hätte Kammlott auch im kommenden Spieljahr ähnlich aufgetrumpft wie im Vorjahr, wo er mit 13 Saisontoren der Garant für den Klassenerhalt war, wäre er sicher noch wertvoller geworden. Und ob die Erfurter seine im Angriff hinterlassene Lücke überhaupt schließen können, darf bezweifelt werden.

Fest steht aber schon jetzt, dass der FC Rot-Weiß nach und nach seine Identität verkauft: Das Eigengewächs, das sämtliche Jugendabteilungen durchlief, stellt keinen normalen Abgang dar. Gerade mit Kammlott identifizierten sich die Fans, mit ihm verbanden sie die Hoffnung auf bessere Zeiten. Dass ihn der Verein nicht mit allen Mitteln halten wollte, passte in dessen Personalpolitik: Auf jene, die bei Rot-Weiß groß geworden sind, wird scheinbar kein Wert mehr gelegt (Krebs, Köhler, Nowak, Beck).

Dass nun der Weg für die Unterschrift von Proband Marcel Reichwein frei sei, bestätigt Hörgl nicht: "Er ist sicher ein Kandidat. Wir sind aber auch noch mit anderen im Gespräch", sagt der Sportchef. Egal, wer es sein wird: Er tritt ein schweres Erbe an.

Carsten Kammlott stammt aus Bad Frankenhausen und wechselt 2001 von Fortuna Gehofen zum FC Rot-Weiß Erfurt. Zunächst spielte der in der U19-Mannschaft, dann in der zweiten Mannschaft und seit Ende der Saison 2008/2009 in der Drittliga-Auswahl. In der abgelaufenen Saison gelangen ihm 13 Tore im Dress der Rot-Weißen.