Wer ist schuld an Fan-Krawallen in Jena?

Jena  Nach der Randale beim jüngsten Heimspiel des Fußball-Drittligisten FC Carl Zeiss kritisiert der Innenminister den Club. Der wehrt sich.

Fans protestieren gegen Ordnungsbehörden und Polizei. Foto: Tino Zippel

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Zwei Wochen später stecken die Verantwortlichen des FC Carl Zeiss Jena mitten in der Arbeit, die neue Spielzeit vorzubereiten. Dennoch: Die Bilder der Gewalteskalation vom jüngsten Heimspiel gegen 1860 München bleiben – trotz triumphaler Rettung vor dem Abstieg aus dem Profifußball.

Dass der Klassenerhalt geschafft wurde, grenzt nach wie vor an ein Fußball-Wunder und kann es ob der Dramatik schon fast mit dem Klassenverbleib von Eintracht Frankfurt vor 20 Jahren – damals mit einem 5:1 gegen Kaiserslautern und Übersteiger-Tor in letzter Minute – in der Fußball-Bundesliga aufnehmen, der bis heute als „Mutter aller Klassenerhalte“ im Profifußball gilt.

Elf Polizisten verletzt

Die Freude wird in Jena aber getrübt. Zu präsent sind die Bilder der Auseinandersetzung Jenaer Anhänger mit der Polizei. Oder der Polizei mit Jenaer Fans? Schon hierzu gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Eine Klärung aber wird erst die Aufarbeitung bringen. Fest steht: Zwei Beamte erlitten ein Schädelhirntrauma, nachdem sie von einem kiloschweren Kantholz getroffen worden sein sollen. Insgesamt wurden elf Polizisten verletzt.

Viele Fragen wirft auf, was sich vor dem entscheidenden Spiel ereignet hat. Warum ist auf einem Video zu sehen, dass das von einem Chaoten Richtung Polizei geworfene Kantholz – von der Polizei als Ursachen für die schweren Verletzungen der Beamten angegeben – nicht zwei Polizisten trifft und stattdessen an einer Mülltonne abprallt und auf dem Boden landet?

Wieso setzte die Polizei Wasserwerfer in einer Menge ein, in der auch Frauen und Kinder standen? Ein Jena-Fan, regelmäßiger Besucher von Heim- und Auswärtsspielen seines Clubs, wirkt auch zwei Wochen nach dem Spiel noch wütend. „Mit einem Wasserwerfer auf Frauen und Kinder zielen, das geht gar nicht“, sagt er. Er hatte mitten in der Auseinandersetzung gestanden. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen.

Noch sind die Geschehnisse vor dem letzten Heimspiel nicht gänzlich aufgearbeitet. Die Polizei sieht sich zu Unrecht als Schuldige an den schlimmen Bildern. Die Clubführung hingegen wehrt sich gegen die Darstellung, dass seitens des FCC nicht alles dafür getan werde, um gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhindern. Mitten hinein in diese Debatte kommt die Wortmeldung von Innenminister Georg Maier (SPD), der den Club aufgefordert hatte, sich „deutlicher als bisher von allen gewaltbereiten Fußballfans zu distanzieren“. Deutlicher als bisher? Im Innenministerium will man nach Informationen dieser Zeitung nicht wahrgenommen haben, dass es von der Vereinsführung eine zügige Stellungnahme zu den Auseinandersetzungen in einem Fernsehinterview gegeben hat. Darin soll die Schelte des Innenministers begründet liegen.

FC Carl Zeiss Jena lehnt Gewalt ab

Beim Club kommt dieser Satz nicht gut an. „Noch in der Halbzeitpause hat sich unser Geschäftsführer Chris Förster sehr deutlich dazu geäußert“, sagt Vereinssprecher Andreas Trautmann und legt noch einmal nach: „Der FC Carl Zeiss Jena lehnt Gewalt, egal in welcher Form und von wem auch immer ausgehend, ab. Das ist selbstverständlich.“ Vielmehr sei der Verein „stolz darauf, dass wir eine Fangemeinde haben, mit der wir uns von einigen anderen Clubs deutlich unterscheiden“. Trautmann nennt soziales Engagement und das Eintreten gegen jedwede Form der Intoleranz, für das die Jenaer Fußballfans stünden. Das sei Markenkern des Vereins. Trautmann fordert dazu auf, „Dinge ohne Schaum vor dem Mund differenziert zu betrachten“.

Innenminister Maier will indes keinesfalls so verstanden werden, als dass er Jena nach den Ereignissen an den Pranger stellt und schlechter behandelt als andere Clubs. „Meine Aussage bezieht sich allein auf die Ereignisse an diesem Tag“, stellt er auf Nachfrage klar.

Zwischen dem Innenministerium und dem Verein hat es bis heute keinen Kontakt nach den Ausschreitungen gegeben, heißt es vom Verein. Trautmann macht aber deutlich, dass vom Club alle Register gezogen worden seien, damit der Fußball im Mittelpunkt steht. „Das, was unser Verein präventiv machen kann, hat er getan“, sagt Trautmann. Er verweist darauf, dass es in der vergangenen Saison erstmals ein Dekra-zertifiziertes Sicherheitskonzept für die Heimspiele gegeben hat. Dafür wendete der Club einen sechsstelligen Betrag auf – beispielsweise auch für die Finanzierung eines gewerblichen Sicherheitsdienstes.

Im Thüringer Innenausschuss werden die Randale dennoch präsent bleiben. Das Thema nimmt die Politik auf. Für den Verein sagt Trautmann zu, dass er sich konstruktiv an der Aufarbeitung der Geschehnisse beteiligen werde. „Uns geht es darum, herauszufinden, was an diesem Tag schief gelaufen ist und nicht um einseitige und vorschnelle Schuldzuweisungen“, sagt er.

Eine konsequente Ahndung der Gewalttaten fordert der CDU-Innenexperte Raymond Walk. „Gewalt und Sport gehören nicht zusammen“, sagt er. Attacken auf Einsatzkräfte müssten Folgen haben. Das habe auch der Bundestag im Mai 2017 beschlossen mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Stärkung des Schutzes von Vollstreckungsbeamten und Rettungskräften.

Ein wichtiger Schritt zur Aufklärung hätte bereits am 4. Juni beginnen können – mit einem Schnellverfahren gegen jenen Schweizer Stadionbesucher , Mitglied der Ultragruppierung eines Eishockey-Clubs, der auf Grundlage eines Videos als Kantholz-Werfer identifiziert wurde. Aus dem geplanten raschen Prozessbeginn wird aber nichts, wie die Polizei Jena gestern mitteilte. Der Verdächtige bringt zu viele Vorstrafen mit, was ein beschleunigtes Verfahren unmöglich macht. Er sitzt weiter in Untersuchungshaft.

Dass der Kantholzwurf keinen Polizisten traf und es deshalb fraglich scheint, ob die Darstellung der Polizei den Tatsachen entspricht, weist die Sprecherin der Landespolizei-inspektion Jena, Steffi Kopp, scharf zurück: „Wer sagt, dass die Beamten bei dem auf dem Video zu sehenden Wurf verletzt wurden?“ Weitere Details will sie wegen laufender Ermittlungen nicht nennen.

Ein zweiter Kantholzwurf?

Offenbar, das erfuhr unsere Zeitung aus dem Polizeiumfeld, wird allerdings untersucht, ob es einen zweiten Kantholzwurf derselben Person gegeben haben könnte. Indizien sprechen dafür, heißt es von Ermittlern. Ob auch ein Videoausschnitt eines zweiten Wurfes existiert? Bisher unbekannt.

Die Polizei sieht als Hauptverantwortliche für die Auseinandersetzung die Jenaer Fans. „Leider verhielten sich einige Fußballfans an diesem Tag nicht deeskalierend“, sagt Kopp. Deshalb sei es schon im Rahmen des Fanmarsches, also vor den Ereignissen vor dem Stadioneingang, zu tätlichen Übergriffen auf Polizeibeamte gekommen. Dass Beamte, so berichten es Augenzeugen, wegen einer Identitätsfeststellung mit Schlagstock und Tränengas durch eine Menschenmenge mit Frauen und Kindern „gepflügt“ seien, „können wir nicht bestätigen“, sagt Kopp.

Für die Clubverantwortlichen in Jena kommt zu den Vorbereitungen auf die neue Saison nun auch die Aufarbeitung der Gewalteskalation hinzu. „Wir wollen diese Aufarbeitung, weil sie aus unserer Sicht nötig ist“, sagt Trautmann. Das soll helfen, wieder zum Kern der Sache zurückzufinden.

Den beschreibt Trautmann in einem Satz: „Wir wollen in Jena Fußballfeste feiern, Familien und Kindern einen sicheren und freudvollen Stadionbesuch ermöglichen.“

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