Abpfiff für Rot-Weiß Erfurt: „Die letzten Tage sind an die Substanz gegangen“

Erfurt.  Wie Trainer und Spieler des FC Rot-Weiß Erfurt ihren wohl letzten Arbeitstag für den Verein erlebt haben.

Lukas Surek, Burim Halili und Alexander Schmitt (von links) verlassen enttäuscht das Trainingsgelände von Rot-Weiß Erfurt.

Lukas Surek, Burim Halili und Alexander Schmitt (von links) verlassen enttäuscht das Trainingsgelände von Rot-Weiß Erfurt.

Foto: Sascha Fromm

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Als es draußen gerade dunkel geworden ist, versammelten sich die Spieler des FC Rot-Weiß Erfurt noch einmal auf dem ihr vertrauten Trainingsgelände. „Es ist mir schon schwergefallen, die Spieler zu umarmen, sich zu verabschieden – und man weiß, dass man sich vorerst hier nicht mehr wiedersehen wird“, sagte Cheftrainer Robin Krüger.

„Es ist ganz bitter und ein schwarzer Tag für Rot-Weiß“, sagte der 30-Jährige, der erst im vergangenen November die Profi-Mannschaft nach der Freistellung von Thomas Brdaric übernommen und mit engagierten Auftritten seiner Elf für sportliche Hoffnungen gesorgt hatte. Nun aber, so wird es wohl kommen, zieht sich der Verein am Montag aus der vierten Liga zurück.

Dass es am Wochenende doch noch zu einer Rettung durch Investoren kommt, damit rechnet niemand. „Wir alle sind uns im Klaren darüber, dass die Hoffnungen extrem gering sind. Sollten wir tatsächlich den Spielbetrieb einstellen, werden alle die Freigabe bekommen, um sich neue Vereine zu suchen“, so Krüger. Bis zum 31. Januar ist das Transferfenster geöffnet.

Trainingsbetrieb des FC Rot-Weiß Erfurt ist eingestellt

Inzwischen ist der Trainingsbetrieb eingestellt. Am Wochenende haben Spieler und Trainer frei, um sich um ihre sportliche Zukunft zu kümmern. Das für den Samstag geplante Testspiel bei Mainz 05 II war schon am Donnerstag vom Gegner abgesagt worden. Auch für den Montag ist keine Übungseinheit mehr angesetzt. „Nur wenn es doch noch zu einer Wende kommt, werden die dann verbliebenen Spieler wieder auf dem Platz stehen“, erklärte der Erfurter Trainer.

Die Mannschaft erlebte am Freitag einen Tag voller Ungewissheit, bis Insolvenzverwalter Volker Reinhardt über das Ergebnis der verzweifelten Suche nach neuen Investoren informierte. Um 11 Uhr hatten sich die Spieler auf dem RWE-Trainingsgelände versammelt und zunächst vergeblich auf eine Nachricht gewartet.

Zur gleichen Zeit war das Training angesetzt. Weil jedoch die Plätze gefroren waren, wurde die geplante Übungseinheit abgesetzt, die meisten Profis verließen das Gelände. Gegen 15.30 Uhr fuhren Trainer und Mannschaftsrat zu Verwalter Reinhardt, der am Freitag vom Amtsgericht Erfurt in seiner Funktion bestätigt wurde. Der bisherige Hauptinvestor hatte am Montag dessen Abberufung beantragt. „Die Stimmung unter den Spielern war natürlich gedrückt, denn man hatte ja immer noch eine Hoffnung“, sagte der Trainer.

Wie im Landespokal verfahren wird, bleibt offen

Sollte sich Erfurt nun am Montag tatsächlich abmelden, würde der Club auch im Landespokal nicht mehr antreten. Es wäre ein Novum im Thüringer Fußball. Erfurt hatte sich im Viertelfinale beim Thüringenligisten SV 1879 Ehrenhain mit 4:1 durchgesetzt. Wie nun verfahren wird, ist offen.

Im Zuge des drohenden Rückzuges von Ligarivale Wacker Nordhausen hatte Sven Wenzel vom Thüringer Fußball-Verband (TFV) erklärt, dass es keine Regelung gebe. Man werde eine Einzelfallentscheidung treffen. Es sei seit Einführung des Landespokals in der Saison 1990/1991 noch nicht vorgekommen, dass eine Mannschaft während des Wettbewerbs den Spielbetrieb eingestellt hat. In der Meisterschaft würden alle RWE-Spiele annulliert.

Robin Krüger wird derweil nicht so schnell seine Sachen in Erfurt packen. Zu Saisonbeginn trainierte er die U19-Elf, übernahm dann das Co-Traineramt für den erkrankten Armin Friedrich und wurde schließlich zum Chef befördert.

Einen Vertrag aber unterschrieb er angesichts der finanziellen Turbulenzen und der ausstehenden Gehälter vom Dezember nie. Unter diesen Umständen ist er nach wie vor Trainer der Nachwuchsabteilung, dessen Leistungszentrum trotz des anstehenden Regionalliga-Rückzuges auf jeden Fall erhalten bleiben soll.

Daran aber wollte Robin Krüger Freitagabend gar nicht denken. Auch er will am Wochenende erst einmal Abstand gewinnen. Das Ringen um den Profifußball bei Rot-Weiß ist auch an ihm nicht spurlos vorüber gegangen. „Die letzten Tage waren emotional anstrengend und sind an die Substanz gegangen.“

Chronik des Insolvenzverfahrens:

  • 14. März 2018: Der FC Rot-Weiß Erfurt stellt zum zweiten Mal nach 1997 einen Insolvenzantrag, als der sportliche Abstieg aus der 3. Liga so gut wie sicher feststeht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des Bankrotts, stellt aber das Verfahren später ein.
  • 22. März 2018: Präsidium, Sachwalter und der fünfköpfige Gläubigerausschuss einigen sich mit dem zuständigen Erfurter Amtsgericht darauf, ein Insolvenzverfahren in klassischer Form durchzuführen. Volker Reinhardt wird als Insolvenzverwalter eingesetzt.
  • 29. Mai 2018: Ex-Nationalspieler Thomas Brdaric wird als neuer Cheftrainer vorgestellt. Als Torwarttrainer wird Rene Twardzik bestätigt.
  • August 2018: Im laufenden Insolvenzverfahren haben 132 Gläubiger ihre Forderungen in Höhe von 6,8 Millionen Euro bei Insolvenzverwalter Volker Reinhardt angemeldet.
  • Dezember 2018: Die finanzielle Lage beim FC Rot-Weiß eskaliert. Nur dank privater Sponsoren kann die sofortige Einstellung des Spielbetriebs verhindert werden.
  • März 2019: Ein weiteres Mal ist die Situation äußerst kritisch. Ein sogenanntes Massedarlehen der Volksbank Gera/Jena/Rudolstadt wendet erneut das Aus in letzter Minute ab.
  • Juli 2019: Es wird öffentlich, dass der Insolvenzverwalter den Hauptsponsor (Autohaus König) verklagt. Er begründet die Klage damit, dass der Hauptsponsor die vertraglich vereinbarten Zahlungen nicht geleistet habe.
  • 30. August 2019: Der Insolvenzverwalter gibt bekannt, dass die Ausgliederung der Profimannschaft und der U19-Elf in die FC Rot-Weiß Erfurt Fußball GmbH zum Handelsregister angemeldet wird. Michael Krannich wird einen Monat später als neuer Geschäftsführer vorgestellt.
  • 11. Oktober 2019: Die ASGV Grundbesitz- und Verwaltung GmbH aus Leipzig, die Millhouse Capital GmbH aus Erfurt und die Franz Gerber Reha- und Sportagentur GmbH werden als neue Investoren präsentiert. Insolvenzverwalter Reinhardt spricht von „integren Personen.“ Sie seien über eine Kapitalerhöhung auf eine Million Euro Stammkapital in die GmbH eingetreten, heißt es.
  • 13. November 2019: Der RWE schwebt in Abstiegsgefahr. Nach drei Pleiten wird Thomas Brdaric entlassen. Co-Trainer Robin Krüger übernimmt, der zum Chef befördert werden soll, aber nie einen Vertrag vorgelegt bekommt.
  • 16. Januar 2020: Insolvenzverwalter Volker Reinhardt informiert die Spieler und Trainer über die abermals dramatische Lage und spricht davon, dass die Fortsetzung des Regionalliga-Spielbetriebs akut gefährdet sei. Die Ausgliederung des Profifußballs in eine GmbH ist gescheitert. Ein geplantes Testspiel wird abgesagt.
  • 20. Januar 2020: Zwei der drei Investoren stellen Strafanzeige gegen Reinhardt, der davon spricht, dass sich die Geldgeber nicht an die Abmachungen gehalten hätten. Die Investoren wiederum belasten den Insolvenzverwalter schwer. Er habe nie die Voraussetzung zum Vollzug der Verträge geschaffen, teilen sie mit.
  • 24. Januar 2020: Das Ringen um eine Zukunft des Profifußballs ist offenbar gescheitert. Der Regionalligist wird sich wohl am Montag vom Spielbetrieb zurückziehen.
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