Insolvenzverwalter Volker Reinhardt: „Rot-Weiß Erfurt hat allen Grund zur Demut“

Erfurt  Der Insolvenzverwalter des FC Rot-Weiß Erfurt zu Schulden, Gläubigern und neuem Auftreten.

Seit dem 2. Mai hat Volker Reinhardt als starker Insolvenzverwalter das Sagen beim Fußball-Regionalligisten FC Rot-Weiß Erfurt.

Foto: Sascha Fromm

Am 23. März dieses Jahres war es soweit. Der damals noch in der dritten Liga spielende FC Rot-Weiß Erfurt musste sich der bitteren Realität beugen und sein Schicksal in die Hände eines Insolvenzverwalters – Volker Reinhardt aus Erfurt – legen. Die extreme finanzielle Schieflage ließ keine andere Option mehr zu. Dem finanziellen Niedergang folgte der sportliche – Punktabzug, Abstieg nach zehn Jahren Drittligazugehörigkeit. Am 2. Mai wurde Reinhardt zum endgültigen, sprich starken, Insolvenzverwalter des Klubs bestellt.

Seither hat sich viel getan. Nicht nur im sportlichen Bereich, in dem die neu zusammengestellte Erfurter Mannschaft in der Regionalliga Nordost sieben Punkte aus vier Spielen holte. Wir sprachen mit dem gebürtigen 60-jährigen Mannheimer, der seit 1994 den Hauptsitz seiner Kanzlei in Erfurt aufgeschlagen hat.

Herr Reinhardt, seit der FC Rot-Weiß nach Insolvenz und Abstieg eine bis auf drei Akteure fast komplett neue Mannschaft für die Regionalliga zusammengestellt hat, fragen sich viele, wie das geht – insolvent, aber auf Einkaufstour auf dem Spielermarkt?

Das ist nichts Unnormales. Wenn ein Betrieb in die Insolvenz geführt wird, versucht er dennoch weiter, Einnahmen zu generieren, um die Ausgaben zu decken. Wir haben einen genauen Plan, mit was wir rechnen können. Darauf wird die Fortführung des Vereins ausgerichtet. Wir haben es im Prinzip mit zwei Paar Schuhen zu tun. Auf der einen Seite werden die alten Forderungen der Gläubiger eingefroren. Sollte aus der Insolvenzmasse etwas übrig sein, wird daraus eine Quote für die Gläubiger errechnet, aus der sich ergibt, mit wie viel Prozent für die Auszahlung seiner Außenstände zu rechnen sein wird. Auf der anderen Seite werden seit dem Start des Insolvenzverfahrens am 1. Juni auch wieder neue Einnahmen erzielt, aus denen alle Kosten für die neue Saison bestritten werden.

Wie viele Gläubiger haben bislang ihre Forderungen angemeldet?

Um die 125. Wir sammeln aber noch, auch wenn die Anmeldefrist am 13. Juli abgelaufen ist. Man kann seine Forderungen nämlich noch so lange anmelden, so lange das Insolvenzverfahren nicht beendet ist. Es gibt immer Nachzügler.

Auf welche Gesamtsumme belaufen sich die Forderungen?

Das werde ich erst in der Gläubigerversammlung am 23. August im Amtsgericht Erfurt mitteilen.

Bislang kursierten zwei Zahlen bei den Verbindlichkeiten. Es war einmal beim früheren RWE-Präsidenten Rolf Rombach von 5,76 Millionen Euro die Rede, sein Nachfolger bezifferte den Betrag auf 8,1 Millionen Euro Schulden. Was ist richtig?

Die angemeldeten Forderungen übersteigen den von Rolf Rombach genannten Betrag um eine nicht ganz siebenstellige Zahl.

Wie stellt sich die Einnahmesituation dar?Es steht sogar das Gerücht im Raum, man hätte für Andis Shala Ablöse bezahlt.

Wir haben Einnahmen aus dem Sponsoring, dem Kartenverkauf, dem Verkauf der VIP-Logen. Ich möchte betonen, dass nicht für einen Spieler irgendwelche Ablösesummen gezahlt wurden.

Von wie vielen Sponsoren reden wir?

Zwischen 300 und 400, etwas weniger, als zu Drittligazeiten. Und das trotz der unrühmlichen Vergangenheit einiger Leute, die mit der Sponsorengewinnung für Rot-Weiß zu tun hatten. Wir sind auf alle früheren Sponsoren zugegangen. Die meisten konnten wir überzeugen, zu bleiben und den Neuanfang zu unterstützen. Dass sich so viele bereit erklärt haben weiter zu machen, hat auch etwas mit der veränderten Außendarstellung des Vereins zu tun. Die Verankerung im Umfeld wurde völlig neu aufgestellt. Demut ist angesagt, dazu hat der Verein allen Grund. So wie wir auftreten, werden wir in der Bevölkerung wahrgenommen. Es soll ein Neuanfang auf allen Ebenen werden. Mit einem Team zum Anfassen. Mit der Intensivierung der Traditionspflege.

Wie hoch ist der RWE-Etat für die Regionalliga?

Dazu haben wir mit allen Beteiligten Stillschweigen vereinbart. Aber wir rangieren mit unserem Etat an der unteren Grenze des Mittelfeldes der Regionalliga Nordost.

Wie stellt sich aktuell die Situation hinter den Kulissen dar?

Es hat sich beruhigt. Ich muss gestehen, ich hatte dieses Hauen und Stechen völlig unterschätzt. Ich bin dann auf die Streithähne zugegangen und habe um Ruhe gebeten, um den Verein nicht ganz abwickeln zu müssen. Mit Thomas Brdaric haben wir zudem einen Trainer gewonnen, den man als Glücksgriff bezeichnen muss. Er ist ungemein akribisch und versucht vehement, seinen Plan mit viel Kompetenz umzusetzen. Er hat es geschafft, aus 23 Spielern eine Mannschaft zu formen.

Wie haben Sie das Insolvenzverfahren bislang wahrgenommen?

Es ist ein sehr schwieriges und anstrengendes Verfahren, an dem fünf Anwälte unserer Kanzlei ständig arbeiten. Wir mussten in alle Bereiche – Mannschaft, Trainer, Mitarbeiter – eingreifen, um alles auf neue, sichere Füße zu stellen. Dass es so schwierig wird, habe ich nicht geahnt. Aber wir haben eine große Chance, das zu schaffen. Rot-Weiß ist einer der ungewöhnlichsten Brocken meiner Laufbahn. Eine große Herausforderung, die aber trotzdem Spaß macht.

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