Berlin. Ein Vulkanologe bewertet die Gefahr eines Vulkanausbruchs auf Island. Womit er jetzt rechnet und was Bewohner befürchten müssen.

Die Erde erlebt eine beunruhigende Phase vulkanischer Aktivitäten. 70 Vulkane weltweit sorgen aktuell für seismische Schwingungen, Gasaustritte oder spucken gar Lava. Während den meisten Europäern die Eruption des Eyjafjallajökull 2010 aufgrund wochenlanger Flugausfälle noch in Erinnerung ist, ist ein anderer Vulkan, der Fagradalsfjall, aus Island in eine lange Periode der Aktivität eingetreten. Der betroffenen Region drohen laut einem Experten 300 Jahre verstärkter Aktivitäten. Jeden Moment könnte Lava aus der Erde schießen, über Straßen fließen, giftige Gase die Luft verpesten. Mit dem angrenzenden Hafenort Grindavík wurde bereits eine Stadt mit rund 3700 Anwohner evakuiert. Für den schlimmsten Fall hat der Experte eine klare Vorstellung – aber kaum Mittel zur Bekämpfung.

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Thorvaldur Thordarson gilt als Koryphäe der Vulkanologie. Der 65-jährige Isländer beobachtet seismische Aktivitäten in seiner Heimat seit Jahrzehnten und verdiente sich den Doktortitel in seinem Fach an einem anderen Vulkan-Hotspot, Hawaii. Der Professor an der geowissenschaftlichen Fakultät der Uni Reykjavik prognostiziert der Reykjanes-Halbinsel vor den Toren der isländischen Hauptstadt Jahrhunderte verstärkter Vulkanaktivitäten. Dem „Spiegel“ gegenüber erklärt er: „Die vulkanische Aktivität auf der Reykjanes-Halbinsel ist durch Eruptionsperioden gekennzeichnet, die jeweils 300 bis 400 Jahre dauern.“

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Tausende Anwohner evakuiert: Island bereitet sich auf nächsten großen Vulkanausbruch vor

2021 kündigten erstmals kleinere Erdbeben das Wiedererwachen des Vulkans im Südwesten der Insel an. Zuvor war der Hotspot rund sieben Jahrhunderte im Dornröschenschlaf. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Situation verschärft. In Grindavik traten mehrmals giftige Gase aus, tiefe Risse zogen sich zunächst durch die Landschaft und Infrastruktur und später durch Hauswände und Fundamente. Laut Thordarson erschütterten in der vergangenen Woche rund 880 Erdbeben der Stärke 4 bis 5 die Halbinsel.

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Am vergangenen Freitag ordnete die Behörde für Bevölkerungsschutz schließlich die Evakuierung Grindavíks an. Thordarson ist Befürworter der Räumung. „Da sich die Erdbeben und der möglicherweise mit Magma gefüllte Spalt direkt unter der Stadt Grindavík befinden, befürchtete man, dass ein Ausbruch unmittelbar bevorstehe“, erklärt er die Lage vom Wochenende. Mittlerweile haben sich die Erdbeben in Stärke und Frequenz wieder deutlich verringert.

Kein zweites Pompeji: Geringere Intensität, überschaubare Bevölkerung, moderne Technik

Zwar war die Evakuierung der 13. größten Stadt des Landes nicht durch einen Notfall begründet, sondern als Vorsichtsmaßnahme angeordnet. Dennoch glaubt der Experte nicht an eine schnelle Entwarnung für die Anwohner: „Sie werden sich auf eine lang anhaltende Evakuierung einstellen müssen. So schnell wird keiner wieder in sein Haus zurückkehren.“ Denn obwohl sich akute Ausbruchsprognosen nicht erfüllten, schwelt die unterirdische Gefahr weiter.

Eine Schlange von Autos auf einer Straße in Richtung der Stadt Grindavik. Die Anwohner durften nach der ersten Evakuierung kurzzeitig zurückkehren, um Habseligkeiten abzuholen.
Eine Schlange von Autos auf einer Straße in Richtung der Stadt Grindavik. Die Anwohner durften nach der ersten Evakuierung kurzzeitig zurückkehren, um Habseligkeiten abzuholen. © dpa/AP | Brynjar Gunnarsson

Dank Geologie-Monitoring dürfte eine Katastrophe mit hohen menschlichen Verlusten heute vermeidbar sein. Ein Szenario wie im vollkommen zerstörten Pompeji der Antike ist laut Thordarson heute nicht mehr denkbar. Dass pyroklastische Ströme und Lavalawinen tausende Menschen unter sich begraben, kann allein schon dank moderner Technologien vermieden werden. „Die Ausbrüche auf der Halbinsel Reykjanes sind viel weniger intensiv als in Pompeji im Jahr 79 n. Chr.“, erläutert der Vulkanologe einen weiteren mildernden Umstand. Daher sei auch nicht damit zu rechnen, dass sich Lavaströme über die nahegelgene Hauptstadt ergießen.

Vulkanologe warnt vor Ausbrüchen: „Wissen nicht ob, wann und wo“

Grund zur Entspannung sieht Thordarson nicht. Er appelliert an die Wachsamkeit der Isländer: „Wir befinden uns immer noch in einer sehr ernsten Situation, in der wir nicht wissen, ob etwas ausbricht, wann und wo.“ Dennoch sieht sein Worst-Case-Szenario nicht unbedingt menschliches Leid, sondern eine Eruption vor, die Lavaströme „über die Stadt Grindavík, das Kraftwerk und die Lagune“ sendet.

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Für den Fall, dass ein Vulkan tatsächlich Lavaströme in rauen Mengen ausspeit, haben die Katastrophenschutzbehörden laut Thordarson nur begrenzten Einfluss, um deren Kurs zu beeinflussen. Und zwar mit Deichen aus Sand und Kies: „Gegen Lavamassen kann man nicht viel unternehmen. Außer vielleicht zu versuchen, sie umzuleiten.“

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Zumindest für den Rest des Kontinents dürfte die derzeitige Aktivphase nur wenig Grund zur Besorgnis haben: „Auf Europa werden die Eruptionen auch keine Auswirkungen haben, da kann ich Sie beruhigen.“ Kilometerhohe Rauchsäulen, die Luftverkehr und Satellitenkommunikation beeinträchtigen können, sind Thordarsons Auffassung nach „Zukunftsmusik“.