Brüssel. Nato-Generalsekretär Stoltenberg macht doch weiter. Das Geheimnis seines Erfolgs, seine prominente Familie – und wie er sich tarnt.

Es ist der Spitzen-Job der Nato, an prominenten Interessenten fehlte es nicht. Der Posten des Nato-Generalsekretärs sollte eigentlich beim Gipfeltreffen der westlichen Allianz Mitte Juli in Vilnius neu besetzt werden – weil Amtsinhaber Jens Stoltenberg endlich gehen will. Doch jetzt steht fest: Der neue Generalsekretär ist der alte. Stoltenbergs Amtszeit an der Spitze der Allianz wird bis Ende 2024 verlängert.

Dabei wollte der 64-Jährige schon voriges Jahr Abschied nehmen, um in Norwegen Zentralbankchef zu werden. Doch die Nato hielt und hält ihn immer noch fest, vor allem wegen des Ukraine-Kriegs: Die Nato-Botschafter der 31 Mitgliedstaaten gaben am Dienstag im Hauptquartier in Brüssel grünes Licht für eine weitere Verlängerung, die Staats- und Regierungschefs werden es nur noch formell absegnen.

Es ist eine unerwartete Wendung für den ungewöhnlichsten der 13 Generalsekretäre, den die Nato bisher hatte. In der größten Sicherheitskrise seit Jahrzehnten agiert Stoltenberg als das Gesicht der westlichen Allianz so vorsichtig, knochentrocken und kontrolliert, dass selbst Kanzler Olaf Scholz neben ihm wie eine Stimmungskanone wirkt.

Nato-Generalsekretär nutzt die Langeweile als Tarnung

Bloß nicht provozieren lassen, auf keinen Fall heikle Versprecher: Der frühere norwegische Ministerpräsident trägt monoton präzise einstudierte Sprechformeln über den russischen Präsidenten Wladimir Putin, die Ukraine und die westliche Verteidigungsbereitschaft vor – und wiederholt bei Bedarf mit arglosem Blick und ohne Regung ein halbes Dutzend Mal die immergleichen Sätze. Weil er im Namen von 31 Regierungen spreche, sei es sehr wichtig, dass er vorsichtig sei mit der Sprache, erklärt Stoltenberg seine in Brüssel gefürchtete Roboter-Rhetorik.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.
Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. © Getty Images | Pool

Langeweile als Tarnung: Hinter dieser Fassade verbirgt sich ein kluger Diplomat und ein sehr menschlicher Politiker – der eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht hat. Der Sozialdemokrat stand in seiner Jugendzeit maoistischen Zirkeln nahe und war militanter Gegner des Vietnam-Kriegs. Er forderte als norwegischer Juso-Chef den Austritt seines Landes aus der Allianz, war Anhänger von Willy Brandts Ostpolitik.

Im Jahr 2000 wurde er für die Arbeiterpartei erstmals norwegischer Premier, dann von 2005 bis 2013 ein zweites Mal in einer rot-rot-grünen Koalition. In die Amtszeit fiel 2011 das Massaker des Rechtsextremen Anders Behring Breivik in Oslo und auf der Insel Utoya, bei dem 77 Menschen ums Leben kamen. Stoltenberg war auch selbst in Gefahr, vor seinem Amtssitz zündete Breivik eine Bombe. Der Premier bewies in dieser Katastrophe als Landesvater Führungsstärke, zeigte aber auch Gefühle. „Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein“, sagte Stoltenberg, „mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nie Naivität.“

Stoltenberg: Prominente Familie, überraschender Werdegang

Stoltenberg kommt aus einer Politiker-Familie, in Norwegen zählt sie zur schillernden Prominenz. Sein Vater Thorvald war Außenminister und später Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. Mutter Karin, eine Genetik-Forscherin, brachte es bis zur Staatssekretärin. Stoltenbergs Ehefrau ist Diplomatin, von 2015 bis 2019 verband sie das Private mit dem Dienstlichen und ließ sich als Norwegens Botschafterin in Belgien nach Brüssel entsenden.

Seine Schwester Nin, eine TV-Moderatorin und Schauspielerin, war heroinabhängig und machte ihre Sucht öffentlich. Sie war einige Jahre Mitglied einer norwegischen Beratergruppe für die Drogenpolitik, 2014 starb sie mit 51 Jahren. Seine zweite Schwester Camilla ist Epidemiologin, sie leitet die nationale Gesundheitsbehörde. Tochter Catharina gehört als Teil des Elektro-Duos Smerz zu den Stars der norwegischen Musikszene.

Gemeinsamer Besuch der Nato-Übung „Griffin Storm“ in Litauen: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (Mitte links) und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (r, SPD),
Gemeinsamer Besuch der Nato-Übung „Griffin Storm“ in Litauen: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (Mitte links) und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (r, SPD), © dpa | Kay Nietfeld

Nachdem Stoltenberg 2013 die Parlamentswahl und dann sein Amt verlor, wurde er ein Jahr später Nato-Generalsekretär, vorgeschlagen unter anderem von der damaligen Kanzlerin Angela Merkel. Anfangs hegte er Bedenken, mit Militär hatte er bis dahin wenig zu tun. Doch inzwischen hat der Chef schon dreimal verlängert. Die Nato-Staaten wussten lang genug von seinem Abschiedswunsch, doch wieder ist es in den vergangenen Monaten nicht gelungen, sich auf einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu verständigen.

Als mögliche Anwärter galten vor allem die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und der britische Verteidigungsminister Ben Wallace. Frederiksen war am nächsten dran, sie erhielt sogar eine Einladung zum Gespräch mit US-Präsident Joe Biden – denn das entscheidende Wort in der wichtigsten Nato-Personalie hat das Weiße Haus.

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US-Präsident Biden entschied: Stoltenberg muss weitermachen

Allein, Biden war nicht überzeugt. Und weil Frederiksen, Wallace und andere Kandidaten auch bei Verbündeten nicht unumstritten sind, fasste Biden einen Entschluss: Er machte Stoltenberg bei dessen letztem Besuch Mitte Juni klar, dass er weiter im Amt bleiben muss.

Der Generalsekretär habe einen „unglaublichen Job“ gemacht, sagte Biden. Er attestierte Stoltenberg eine „beeindruckende Führungsstärke“ in der Positionierung zum Ukraine-Krieg. Biden scheut sich wie andere Verbündete auch, mitten im Krieg einen erfahrenen Führungsmann durch einen Newcomer auszutauschen. Und Stoltenberg, der andere Pläne hatte, lässt sich wieder in die Pflicht nehmen.

US Präsident Joe Biden und Jens Stoltenberg im Gespräch im Weißen Haus.
US Präsident Joe Biden und Jens Stoltenberg im Gespräch im Weißen Haus. © AFP | Andrew Caballero-Reynolds

Warum ist das Amt so wichtig? Der Generalsekretär vertritt die Nato nach außen und schmiedet nach innen Kompromisse zwischen den 31 Mitgliedern, die höchst unterschiedliche Interessen haben. Er leitet im Brüsseler Hauptquartier die Sitzungen der wichtigsten politischen Gremien: Gipfel einmal im Jahr, Nato-Rat mit den Botschaftern mindestens drei Mal pro Woche, dazu Ministertreffen und Tagungen der nuklearen Planungsgruppe.

Er ist dabei Chef-Diplomat, aber kein General: Die militärische Nato-Struktur, die der politischen Führung untersteht, wird von einem US-General geleitet. Stoltenbergs Aufgabe ist es, insgesamt 31 Regierungen hinter eine Position zu bringen. Er redet mit den Regierungschefs auf Augenhöhe, verdient mit fast 300.000 Euro jährlich auch etwa so viel wie der Bundeskanzler.

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Stoltenberg: Er bändigte Trump und zeigt Putin die rote Karte

Als Stoltenbergs großes Verdienst gilt es, die Nato während der US-Präsidentschaft von Donald Trump vor dem Bruch bewahrt zu haben. Ein ums andere Mal flog der Generalsekretär nach Washington, um Trump nach seiner wüsten Androhung eines amerikanischen Nato-Austritts zu besänftigen. Geschickt baute er dem Präsidenten eine Brücke und behauptete in Trumps damaligem Haussender Fox News, der Anstieg der Verteidigungsausgaben der europäischen Nato-Staaten um fast hundert Milliarden Euro sei das „Ergebnis der klaren Botschaft Trumps“.

Das stimmte zwar nicht, doch für das Lob feierte sich Trump umgehend und ging die Nato fortan weniger scharf an; was nichts daran ändert, dass der Gedanke an eine erneute Präsidentschaft Trumps im Nato-Hauptquartier größte Befürchtungen auslöst. Aber erstmal hat es Stoltenberg vor allem noch mit einem Kriegsherrn Putin zu tun, der die Allianz in Alarmstimmung versetzt hat.

Seit Putins Überfall auf die Ukraine ist die Wertschätzung für Stoltenberg bei den Verbündeten noch gewachsen. Der Generalsekretär formuliert einen klaren Kurs des Westens zur Unterstützung der Ukraine und zur Verurteilung des russischen Überfalls, reagiert aber in kritischen Lagen sehr besonnen, etwa nach Putins Atomdrohungen oder beim Absturz einer über der Ukraine fehlgeleiteten Rakete in Polen. Und Stoltenberg zieht eine rote Linie: Die Nato ist nicht Kriegspartei und darf es auch nicht werden.

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