Erfurt. Mit Musik steigen sie in den Ring, um sich zum Thema Kultur zu streiten. Drei Stunden im Kontor geben einen Eindruck von den Kandidaten, die Oberbürgermeister(in) in Erfurt werden wollen.

Alles andere als eine trockene Podiumsdiskussion sollte es werden, sich abheben von den übrigen Runden, in denen sich die OB-Kandidatinnen und -Kandidaten dieser Tage hier und dort vorstellen. Dafür sorgen sollte das mit großem Aufwand und ehrenamtlichem Engagement vorbereitete Skript des Abends. Unter dem Titel „Wir machen Stadt“ hob die Ständige Kulturvertretung (SKV) am Montagabend in einer dreistündigen Diskussion das Thema Kultur auf die Bühne vom Kontor.

Zur Kurzweil beigetragen haben teils mit Kreativität punktende Video-Vorstellungen der Kandidaten aus deren eigener Produktion. In denen mussten sie sich zwischen Ketchup und Senf auf der Bratwurst entscheiden und für ihr Lieblingsgetränk. Und: bekannt geben, welches die von ihnen zuletzt besuchte Kulturveranstaltung war. Die kurze Taktung der drei Kultur-Themenkomplexe allerdings - eine Minute konnten die fünf eingeladenen Bewerber ihre Kernpositionen darlegen, um dann acht Minuten quasi unmoderiert einen Wortwechsel zum Thema zu bestreiten - gab der Debatte ein enges Gerüst. Das nahm ihr ein ums andere Mal an Stellen das Tempo, wo gerade ein Streit zu entflammen schien.

Eine Kandidatin und vier Kandidaten, die am 29. Mai zur Oberbürgermeister-Wahl antreten, waren ins Podium eingeladen.
Eine Kandidatin und vier Kandidaten, die am 29. Mai zur Oberbürgermeister-Wahl antreten, waren ins Podium eingeladen. © Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

„Neuanfang“ scheitert an technischen Problemen

Mit von ihnen ausgesuchter Musik nahmen die fünf Kontrahenten vergleichbar einem Einmarsch beim Boxkampf ihre Plätze auf der Bühne ein. Dass der Weg aus der ersten Sitzreihe aufs Podium und damit die Einspielung eine sehr kurze war, tat dem launigen Einstieg keinen Abbruch. Geärgert haben dürfte sich allerdings Andreas Horn (CDU), dessen wahlkampftauglicher Titel „Neuanfang“ von Clueso aufgrund von Technikproblemen erst gar nicht ins Laufen gebracht wurde. Matthias Bärwolff (Linke) startet mit „Kunstfreiheit“ von Danger Dan, David Maicher (B90/Die Grünen) mit „Demokratie“ von den Ärzten. Jana Rötsch (parteilose Kandidatin der Mehrwertstadt) ging mit „Pictures“ von Archive in den Ring und Amtsinhaber Andreas Bausewein mit Heinz Rudolf Kunzes „Eigene Wege“.

Das vom Moderatoren-Team Emily Thümmler und Kay Albrecht angekündigte „Gefecht“ indes blieb über lange Strecken aus. So unterschiedlich der Musikgeschmack, so einig waren sich die fünf OB-Bewerber darin, wie wichtig (Sozio-)Kultur in Erfurt ist, das die finanzielle Förderung mindestens auf aktuellem Niveau beibehalten werden muss und die Verwaltung es den Akteuren der Szene noch einfacher machen muss an Geld und Unterstützung für ihre Projekte zu gelangen. Oft unterschieden sich die Wortbeiträge nur in Nuancen.

Matthias Bärwolff: Danger Dan - Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
David Maicher: Die Ärzte - Demokratie
Jana Rötsch: Archive - Pictures
Andreas Bausewein: Heinz Rudolf Kunze - Meine eigenen Wege
Andreas Horn: Clueso - Neuanfang

Zughafen sichern und weitere Spontan-Partys ermöglichen

Matthias Bärwolff plädierte dafür, den „Zughafen“ als wichtigen Kulturort ganz in die Hand der Stadtverwaltung zu holen, um dessen Zukunft zu sichern. David Maicher wünscht sich einen weiteren Spontan-Partyplatz, näher dran an der Stadt als am Lutherstein. Beim Bau neuer Stadtquartiere gelte es, Orte für Kunst und Kultur gleich mitzudenken in der Planung, fordert Jana Rötsch. Ein engeres Zusammenspiel zwischen Verwaltung und Kreativen wünscht sich Andreas Horn und dass der Kultursommer auch die Ortsteile besser bespielt. Ausdrückliches Lob für die Kulturlotsin, die Wege in die Verwaltung ebnet und Kulturakteuren Hilfestellung bei ihren Projekten gibt, äußerten alle fünf Podiumsteilnehmer. Ihre Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen, war am Montagabend ein Gedanke, den alle mittragen konnten.

Finanzielle Förderung soll auf aktuellem Niveau bleiben

Mehr Planungssicherheit in der Kultur sei nur durch einen früheren Haushaltsbeschluss zu erreichen, sagte David Maicher. Wobei man froh sein könne, dass eine halbe Million Euro für Breitenkultur darin verankert sei, ergänzte Andreas Horn. Bärwolff setzte einen anderen Akzent: die meiste Kultur in dieser Stadt werde von Leuten gemacht und getragen, die gar kein Geld dafür sähen, dem Ehrenamt sei Dank. Ständige Ausstellungen in städtischen Museen sollten ständig kostenfrei sein, nicht allein am 1. Dienstag im Monat, so Bärwolff. Andreas Horn richtete den Blick aufs finanziell Machbare: da sei ein Online-Ticket für alle Museen vielleicht ein guter Anfang. Städtische Räume wie das Theater Erfurt müssten sich stärker öffnen, Hemmschwellen abgebaut werden, wünscht sich Jana Rötsch.

Fördertöpfe größer, diese auch für Investitionen nutzbar machen, war ein Thema des Abends. Richtlinien würden derzeit überarbeitet, um auch Hilfe geben zu können bei Anschaffung einer neuen Soundanlage, Investitionen in Schallschutz und mehr. Eine Riesenchance sieht Horn darin, während Bärwolff mahnt, dass die Investitionsmittel nicht an anderer Stelle der Kultur abgezogen werden dürfen. Als OB werde er einen Soziokultur-Beirat ins Leben rufen, ein solcher habe sich beim Radverkehr ebenso bewährt.

Harmonie in der Runde, Wertschätzung für die Kulturszene

Insgesamt blieb die Runde von Harmonie geprägt. Keiner gab den Kulturbanausen, sondern stimmte in die allgemeine Wertschätzung für die Kulturszene ein. Etwa für die Idee von Awareness-Teams stärker zu unterstützen, wie sie der Club Kalif Storch aus eigenen Mitteln finanziert. Oder die Erfurt-Guides, die im Erfurter Nachtleben zum Einsatz kommen sollen.

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Unterm Strich dürfte offen bleiben, ob auf dieser Grundlage den etwa 200 Zuhörerinnen und Zuhörern im bestens besuchten Kontor die Wahlentscheidung am 26. Mai leichter fallen wird. AfD-Kandidat Stefan Möller war von der SKV bewusst nicht eingeladen worden ins Podium, um Populismus erst gar keine Plattform zu bieten. Am Ende der drei Stunden stand ein Appell des Amtsinhabers, dem sich alle eingeladenen OB-Kandidaten anschlossen: Jeder möge zur Wahl gehen, seine Stimme nutzen und sie einem demokratischen Bewerber geben.

Matthias Bärwolff (Linke)
Matthias Bärwolff (Linke) © Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt
Andreas Bausewein (SPD) 
Andreas Bausewein (SPD)  © Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt
Jana Rötsch (Mehrwertstadt) 
Jana Rötsch (Mehrwertstadt)  © Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt
David Maicher (B90/Die Grünen)
David Maicher (B90/Die Grünen) © Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt
Andreas Horn (CDU)
Andreas Horn (CDU) © Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

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